Samstag, 13. Februar 2021

Als einmal vergessen wurde, einen Nobelpreis zu verleihen

Durch die Beschäftigung mit einem so wenig bekannten Jahrhundert-Genie wie Lars Onsager kann auch Nicht-Physikern einmal ein wenig nahe gebracht werden, was "Verstehen" in der modernen Wissenschaft bedeuten kann.

Sind wir uns wirklich bewußt, daß die Welt vor ihrem Beginn "nur Theorie" war? 

Wer sich allerdings "nur" mit Theorie beschäftigt, kann leicht bei der Verleihung des Nobelpreises einmal vergessen werden. So geschehen mit dem Jahrhundert-Genie Lars Onsager (1903-1976) (Wiki, engl). Es war dies ein Theoretischer Chemiker aus Norwegen. Durch seine Ehefrau hatte er auch einen persönlichen Bezug zum deutschen Sprachraum: Sie stammte aus Österreich. Den größten Teil seines Lebens verbrachte Onsager allerdings in den USA.

Abb. 1: Lars Onsager, Dezember 1968 in Stockholm anläßlich der Verleihung des Nobelpreises

1968 ist Onsager der Nobelpreis verliehen worden. Und im Jahr 1970 nahm er an der Nobelpreisträger-Tagung in Lindau am Bodensee teil wie Bildunterschriften zu entnehmen ist (1). Im Jahr 1975 hat er in seinem gebrochenen Deutsch auf der Nobelpreisträger-Tagung in Lindau recht interessante Überlegungen zur Entstehung des Lebens auf der Erde vorgetragen (1). Die Abschlußveranstaltung dieser Nobelpreisträger-Tagung von 1975 fand auf der Insel Mainau nahe Konstanz statt (1, Bildunterschrift in 3:28). 

In Zusammenhang mit dieser Tagung war Onsager auch zu einem Vortrag an die Universität Konstanz eingeladen worden. Und am Abend war zu Ehren seines Besuches in Konstanz eine kleine Gesellschaft zusammen gekommen. Auf dieser war die Gesprächsatmosphäre allmählich lockerer geworden, der Wein hatte die Zungen gelöst. Das Gespräch war auf die Wikinger gekommen. Und von Seiten einer jüngeren Frau ist über diese Wikinger dann ein wenig gar zu einseitige, harsche und grobe Kritik geäußert worden. Bei dieser Gelegenheit hat der Gastgeber erleben können, daß in dem ansonsten so umgänglichen Onsager doch auch ein Herz für seine wikingischen Vorfahren schlug. Der Gastgeber mußte vermittelnd in das Gespräch eingreifen, damit die Emotionen nicht gar zu hoch schlugen.

Der Bericht davon war als ein Beispiel dafür erzählt worden, daß gerade die genialsten Wissenschaftler, Künstler und Philosophen - zu denen Onsager zählte - nicht selten eine besondere gefühlsmäßige Verbundenheit zu ihrem eigenen Land, zu ihrer eigenen Herkunft, zur eigenen Geschichte und Kultur aufweisen. Man kann dies als Zeichen wahrnehmen eines durchaus auch geheimnisvollen Wirkens angeborener, sowie über prägungsähnliches Lernen weiter gegebener gruppenpsychologischer Zusammenhänge, die noch heute kaum ausreichend erforscht sind (unter Schlagworten wie etwa "Ethnozentrismus"), für die aber womöglich gerade oft bei den genialsten Vertretern einer Kultur sich die überzeugensten Belege finden lassen.

Werner Heisenberg wäre dafür ein Beispiel derselben Generation aus Deutschland. Oder - wenn wir auf frühere Jahrhunderte zurückblicken - Wolfgang Amadeus Mozart. Gibt es doch von Mozart solche Aussagen wie:

Was mich aber am meisten aufrichtet und guten Mutes erhält, ist, daß ich ein ehrlicher Deutscher bin.

Oder aber - als er sich für deutschsprachige Opern in Deutschland einsetzte:

... Doch da würde vielleicht das so schön aufkeimende Nationaltheater zur Blüte gedeihen und das wäre ja ein ewiger Schandfleck für Deutschland, wenn wir Deutsche einmal im Ernst anfangen würden, deutsch zu reden, deutsch zu handeln, deutsch zu denken und gar deutsch zu singen.

Als der Autor dieser Zeilen auf solche Zusammenhänge hingewiesen wurde, war er etwa 20 Jahre alt und hatte noch keinerlei inneren Bezug zur modernen Naturwissenschaft gewonnen. Er war es - wie die meisten Menschen - von seiner ganzen Herkunft und von seiner ganzen Interessenlage her gewohnt, Naturwissenschaft vornehmlich als etwas "Entseeltes", "Technisch-Materialistisches" anzusehen. Deshalb hatte er zur Naturwissenschaft - trotz "Physik-Leistungskurs" in der Oberstufe in den 1980er Jahren - keineswegs einen ebenso leichten Zugang gefunden. Fächer wie Geschichte oder Zeitgeschichte lagen ihm viel, viel mehr. Mit Hilfe des eben angeführten Hinweises aber auf einen solchen Zusammenhang - nun einmal nicht: zwischen "Genie und Wahnsinn", sondern zwischen "Genie und Wohlwollen für die eigene Herkunft" - auch bei Naturwissenschaftlern konnte bei ihm ein erster etwas mehr auf der Gefühlsebene gelagerter Bezug zur modernen Naturwissenschaft geweckt und angebahnt werden.

Als eine erste weitere Brücke, um einen solchen inneren Bezug herzustellen, stellte sich - wenn die Erinnerung nicht trügt - die Lektüre der Lebenserinnerungen von Werner Heisenberg dar, betitelt "Der Teil und das Ganze". Wer dem Inhalt dieses Buches hinter her horcht, wird in ihm allezeit eine große Liebe zu Deutschland finden. Diese veranlaßte Heisenberg im Jahr 1939, nicht in die USA zu emigrieren, obwohl er in Deutschland von den Anhängern einer pseudowissenschaftlichen, wissenschaftlich völlig unfruchtbaren, sogenannten "Deutschen Physik" als "weißer Jude" bezeichnet worden war und deshalb viel Undank und Ignoranz erleben mußte, obwohl er das Nahen des Krieges ahnte und obwohl er den Unrechtscharakter des Dritten Reiches vollauf durchschaut hatte und als solchen wahrnahm und obwohl er attraktive berufliche Angebote in den USA erhalten hatte.

Aber all das nur als einleitende Hinweise auf die erste Begegnung des Autors dieser Zeilen mit einem noch heute so unbekannten Jahrhundert-Genie wie Lars Onsager. Wer aber war Lars Onsager? In diesem Beitrag soll versucht werden, von seiner wissenschaftlichen Bedeutung einen gewissen Eindruck zu vermitteln, auch wenn das schwierig ist - wie gleich deutlich werden wird und was schon zu der wichtigsten Erkenntnis dieses Beitrages gehört.

Wenn sogar einem Carl Friedrich von Weizsäcker einmal die Worte fehlen ...

Junge Menschen, die eine große Begabung für Mathematik aufwiesen und Physik studierten, konnten in den 1950er Jahren zu dem schon damals - so wie heute - öffentlich kaum bekannten Lars Onsager wie zu einem Genie aufschauen. Würde man selbst jemals etwas so Großes auf dem Gebiet der Theoretischen Physik leisten können wie Lars Onsager? So konnte sich ein solcher Physik-Student fragen. Und so wurde es dem Autor dieser Zeilen auch von einem solchen über seine Jugendzeit berichtet. Aber in wem eine solche Frage damals aufkommen konnte, der wird doch wenigstens ansatzweise Anlaß gehabt haben, sie zu stellen. Das heißt, er wird sich etwas ähnlich Großes zumindest der Absicht nach grundsätzlich schon zugetraut haben.

Daß dann in den 1970er Jahren Lars Onsager einmal zu Besuch nach Konstanz kam, wird nicht zuletzt darauf beruht haben, daß sein Konstanzer Gastgeber - inzwischen selbst Professor für Biophysik - schon lange wissenschaftliche Arbeiten vorgelegt hatte - unter anderem in Zusammenarbeit mit Onsagers vormaligem Freund und Kollegen Julian Gibbs (siehe unten) - die ihn in den Augen Onsagers zu einem interessanten Gesprächspartner gemacht haben werden. Sonst hätte ja ein solcher Besuch gar nicht zustande kommen können. Sonstige Einzelheiten aber über den Anlaß und das Zustandekommen dieses Besuches von Onsager in Konstanz, sowie über Gesprächsinhalte anläßlich dieses Besuches sind (uns) einstweilen nicht bekannt geworden (bzw. werden in einer Ergänzung am Ende dieses Beitrages nachgetragen).

Für Physik-Laien ist es noch heute schwierig, sich ein Bild von der wissenschaftlichen Leistung von Lars Onsager zu machen. Das um so mehr, wenn selbst bedeutende Physiker abwinken konnten, wenn es sich darum handelte, seine Lebensleistung einer größeren Öffentlichkeit zu erläutern. Das wurde denn auch mehr als deutlich als Lars Onsager im Jahr 1968 den Chemie-Nobelpreis erhielt. In den damaligen Wissenschaftsredaktionen der Welt machte sich - begreiflicherweise - einigermaßen Ratlosigkeit breit. Man wußte nicht, wie man das wissenschaftliche Werk von Lars Onsager einer größeren Öffentlichkeit gegenüber erläutern sollte. Dafür war es nämlich viel zu abstrakt. Im Hamburger Wochenmagazin "Der Spiegel", sonst niemals um Worte verlegen, wurde damals beklommen festgehalten - und das (wie beim "Spiegel" eh häufig) vorsichtigerweise auch ohne Autorenangabe (2):

Der Hamburger Physiker und Philosophie-Professor Carl Friedrich von Weizsäcker, sonst wegen seiner Kunst gemeinfaßlicher Wissenschaftsdarstellung gerühmt, mußte diesmal passen: Onsagers Arbeiten seien nur in abstrakter Formelsprache darzustellen. Er verwies an Professor Josef Meixner Technische Hochschule Aachen; der verstehe "viel davon" - allerdings: Er werde "es wohl auch nicht allgemeinverständlich erklären" können, meinte Weizsäcker. In der Tat, auch Meixner konnte nur von einem "Prinzip des detaillierten Gleichgewichts" sprechen, oder von einer "Beziehung zwischen Thermodiffusion und Diffusionsthermoeffekt".

Immerhin versuchte der "Spiegel" sich nach solchen verstörten, einleitenden Worten dann doch noch an einer - vielleicht ansatzweise sogar brauchbaren - Erläuterung (2):

Daß Energie (beispielsweise die Bewegungs-Energie stürzender Wassermassen) nicht verlorengehe, sondern sich allenfalls in andere Formen der Energie (im Kraftwerk beispielsweise in elektrische Energie) verwandelt, hatte der Schiffsarzt Robert Mayer 1842 als ein Grundgesetz der Natur erkannt. Diesen sogenannten Ersten Hauptsatz der Wärmelehre ergänzten die Wissenschaftler hernach immer weiter. Aber alle Berechnungen, die sie über Vorgänge bei der Umwandlung verschiedener Energieformen anstellen konnten, blieben vergleichsweise wirklichkeitsfern: Sie bezogen sich auf Systeme, die in einem Gleichgewichtszustand verharren. Bei schnell ablaufenden Prozessen der Energieveränderung, wie sie in der Natur vorkommen - etwa bei einem Feuer oder bei einer Explosion -, ließen sich allenfalls der Anfangs- und der Endzustand berechnen. Onsagers wissenschaftliche Tat ist es, auch für den Übergang von einem Gleichgewichtszustand in einen anderen mathematische Formeln entwickelt zu haben, "die sich in der Praxis gut bewährt haben" (Weizsäcker).  Onsager hatte diese Formeln ursprünglich nur für chemische Prozesse aufgestellt. Aber es zeigte sich, daß sie vielfältig anwendbar waren, so in der Halbleiter-Technik, in der Biologie - und schließlich auch, als US-Wissenschaftler ein Verfahren suchten, die Atombombe zu bauen.

Und in der Tat waren es ja auch "schnell ablaufende Prozesse der Energieveränderung", für die Manfred Eigen ein Jahr vor Lars Onsager den Nobelpreis erhalten hatte und bei diesem Anlaß in seiner Rede gesagt hatte, daß er sich "schämen" würde, den Nobelpreis vor Lars Onsager zu erhalten (siehe unten)(12). Auch das Nobelpreis-Komitee hatte erst noch auf die Leistungen Onsagers hingewiesen werden müssen, so sehr blühten sie auch damals schon "im Verborgenen".

In der Wochenzeitung "Die Zeit" erschien 1968 ebenfalls ein Artikel zur Verleihung des Nobelpreises an Lars Onsager. Der Artikel selbst verbirgt sich hinter einer Bezahlschranke. Aber schon der Titel sagt viel aus (3):

"Formeln für die Chemie von morgen - Lars Onsager entwickelte eine Mathematik für viele Vorgänge in der Natur."

Josef Meixner in Aachen - Ein "deutsche Onsager"?

Abb. 2: J. Meixner (5)

Und wer war der im eben zitierten Text genannte Professor Josef Meixner (1908-1994) (Wiki)?

Als der bekannte belgische Chemiker Ilya Prigogine 1977 den Nobelpreis erhielt, gab es Gerüchte, daß an seiner Stelle auch Josef Meixner mit diesem hätte ausgezeichnet werden können (4):

Ein bedeutender Anteil der Forschungsarbeit von Meixner war mit der Thermodynamik irreversibler Prozesse befaßt. Er wird deshalb zu den Gründervätern dieses Forschungsgebietes gerechnet. Er wies darauf hin, daß Onsager's Symmetrie-Gesetze wichtige Konsequenzen hatten. Über viele derselben berichtete er in in einem berühmten Artikel zusammen mit Helmut G. Reik in der Encyclopedia of Physics III (Springer, 1959). Der Nobelpreis für Chemie wurde 1977 an Ilya Prigogine (1917-2003) verliehen (...), insbesondere für seine Arbeit über die Thermodynamik irreversibler Prozesse. Es wird erzählt, daß das Nobelpreiskomitee vier zusätzliche Stunden brauchte, um zu einer Entscheidung zu kommen. Und es gab Gerüchte, daß Meixner ebenfalls als Kandidat gehandelt wurde. Meixners erste grundlegende Arbeit datiert zurück auf das Jahr 1941, Prigogine's Arbeit begann 1947. Tatsächlich schreiben D. Bedeaux und I. Oppenheim in ihrem Nachruf auf Mazur: "Josef Meixner stellte 1941 und Ilya Prigogine unabhängig davon 1947 eine zusammenhänge phänomenologische Theorie irreversibler Prozesse auf, die Onsager's Reziprozitäts-Theorem beinhalteten und die explizite Berechnung für einige Systeme der sogenannten Entropie-Quellen-Stärke. Kurz danach stießen Mazur und de Groot zu dieser Gruppe der Gründungsväter hinzu des neuen Gebietes der Nichtgleichgewicht-Thermodynamik. Außerdem schreiben A. R. Vasconcellos et al.: "Vor über zwanzig Jahren gab J. Meixner in Arbeiten, die nicht die verdiente Verbreitung fanden, einige überzeugende Argumente um zu zeigen, daß es unwahrscheinlich ist, daß ein Nichtgleichgewicht ... [?] [weiteres hinter einer Bezahlschranke]". 1975 sprachen Prigogine und Meixner beide auf einer Akademie-Sitzung in Düsseldorf. 
Original: A major part of Meixner's research work concerned the thermodynamics of irreversible processes, and he is counted as one of the founding fathers of that field. He pointed out that Onsager's symmetry laws had important consequences, many of which he reported on in a famous article with Helmut G. Reik in Encyclopedia of Physics III (Springer, 1959). The Nobel Prize for Chemistry for the year 19777 was awarded to Ilya Prigogine (1917–2003) (...), especially for his work on the thermodynamics of irreversible processes. It was said the Prize Committee spent 4 overtime hours before reaching its decision, and there were rumors that Meixner was also a candidate. Meixner’s first basic paper in the matter dates back to 1941, Prigogine’s work started in 1947. In fact, D. Bedeaux and I. Oppenheim in their obituary notice on Mazur write: “Josef Meixner in 1941 and, independently, Ilya Prigogine in 1947 set up a consistent phenomenological theory of irreversible processes, incorporating both Onsager’s reciprocity theorem and the explicit calculation for some systems of the so-called entropy source strength. Shortly thereafter, Mazur and de Groot joined this group as founding fathers of the new field of nonequilibrium thermodynamics”. Furthermore, A. R. Vasconcellos et al. write: “J. Meixner, over twenty years ago in papers that did not obtain a deserved diffusion gave some convincing arguments to show that it is unlikely that a nonequilibrium ” (...) [?]. In 1975 both Prigogine and Meixner lectured at an Academy session in Düsseldorf.

Der Konstanzer Biophysiker Gerold Adam (1933-1996) (Wiki) studierte 1951 bis 1958 an der Technischen Hochschule Aachen. Unter diesen Umständen ist es keineswegs ausgeschlossen, daß er wichtige Anregungen (auch) durch Josef Meixner erhielt, zu den Leistungen von Lars Onsager aufzublicken und sich dem von Meixner und Onsager bearbeiteten Forschungsgebiet der Theorie irreversibler Prozesse zuzuwenden. Meixner übrigens war 1931 als Schüler des hoch geehrten Arnold Sommerfeld in München promoviert worden. Er hat während des Zweiten Weltkrieges an der Eismeerfront in Finnland Kriegsdienst geleistet. Von 1944 bis 1974 lehrte er Theoretische Physik an der Technischen Hochschule Aachen. 1942 hatte er - ebenso wie Onsager - wichtige frühe Arbeiten zur Thermodynamik irreversibler Prozesse veröffentlicht. 1962 wurde - vermutlich doch vor allem auf Betreiben von Josef Meixner - Onsager die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Aachen zuerkannt. Aus diesem Anlaß hielt Meixner eine Ansprache, die - als Onsager den Nobelpreis erhielt - auch in den "Physikalischen Blättern" veröffentlicht wurde. In dieser führte er unter anderem aus (6): 

Eine weitere hervorstechende Leistung Onsagers ist die Theorie des zwei-dimensionalen Ising-Modells  des  Ferromagnetismus.  Wir  sehen  hier  einen ganz neuen Aspekt  seiner wissenschaftlichen  Arbeit. (...) Beim Ising-Modell lag ein wohlformuliertes physikalisches Problem vor, und die Leistung Onsagers ist hier  als rein  mathematisch  anzusehen,  aber als solche ein hervorragendes Kunstwerk des Geistes. Ihre überragende Bedeutung liegt  in zwei Richtungen. Sie gab die exakte Lösung für eines der wichtigsten und schwierigsten Probleme der statistischen Mechanik, wenn auch nur an einem physikalisch gesehen einfachen Modell, und damit zum ersten Mal eine Beurteilungsmöglichkeit der für kompliziertere Fälle auch heute noch unentbehrlichen Näherungsverfahren. Sie stellte aber auch, neben der Einstein-Kondensation, den einzigen Fall dar, in dem es gelungen war, die statistische Theorie einer Phasenumwandlung mathematisch vollkommen explizit und streng zu behandeln.

Meixner hält außerdem fest (6):

Wir dürfen wohl annehmen, daß die theoretischen Vorlesungen (Onsagers) für den jungen Chemiker etwas schwierig sind, und so nimmt es uns nicht wunder, daß die Onsagersche Vorlesung über statistische Mechanik I und II von den Studenten (in den USA) als Norwegisch I und II bezeichnet wurde. (...) Onsager wird als ein brillanter Wissenschaftler mit einer ungeheuren Konzentrationskraft bezeichnet. Seine Erfolge sind wohl letzten Endes darin begründet, daß er nie mit halben Lösungen zufrieden war, daß er vielmehr sich stets bemühte, die physikalische Natur eines Vorgangs oder einer Eigenschaft in voller Klarheit zu erfassen, um dann sein Problem ungehindert durch alle Schwierigkeiten einer eleganten und vollständigen  Lösung zuzuführen.

"Eine der höchsten geistigen Leistungen"

Auf die Lebensleistung von Lars Onsager wurde auch einmal eingegangen in einer grundlegenden Aufsatzreihe benannt "Die Evolution aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie". Hier sollte nämlich einleitend als grundlegenderer Gedankengang erläutert werden (7),

daß die Gültigkeit einer Einsicht nicht dadurch bestimmt ist, wie viele sie wirklich „verstehen“. (…) Der Nachvollzug der einzelnen Erkenntnisschritte durch andere Menschen (…) kann ein so schwieriger sein, daß er dann nur von wenigen erfolgreich begangen wird. Vor allem auch die physikalisch-theoretischen Wissenschaften bieten eine Fülle von Beispielen hierfür. Aus der Vielzahl sei hier nur noch ein weniger bekanntes Beispiel genannt, das aber für die folgenden Beiträge zu unserem Rahmenthema wesentlich ist. Im Jahre 1944 ist dem norwegischen Physiker Lars Onsager die „exakte Lösung für den feldfreien Sonderfall des zweidimensionalen Isingmodelles“ gelungen. Das „zweidimensionale Isingmodell“ stellt eine regelmäßige Anordnung von Elementarmagneten in einer Fläche dar, deren Verhalten ohne äußeres Magnetfeld von Onsager berechnet werden konnte. Die Onsager'sche Theorie stellt eine der höchsten geistigen Leistungen in den Naturwissenschaften dar. Wichtige Ergebnisse dieser Berechnungen konnten erst Jahre später von anderen Wissenschaftlern nachgerechnet werden. Wesentliche Verbesserungen dieser Lösung, wie etwa ihre Erweiterung auf die Situation mit Magnetfeld oder gar auf den dreidimensionalen Fall (räumlich-kristalline Anordnung der Elementarmagnete) sind bis heute noch nicht gelungen. Die außerordentlichen Schwierigkeiten bei der Beschreibung des Isingmodelles rühren von der ungeheuren Vielzahl der möglichen Wechselwirkungen zwischen je zweien der (sehr vielen) Elementarmagnetchen her. Die Betrachtung des gemeinsamen („kooperativen“) Verhaltens von winzigen Magneten erscheint zwar auf den ersten Blick nicht sonderlich interessant; doch ist das Isingmodell der wohl übersichtlichste Fall der Beschreibung einer Ansammlung von vielen gleichartigen, miteinander wechselwirkenden Untereinheiten. Seine mathematische Formulierung ist daher fast ohne Abänderung auf die Beschreibung einer Fülle von anderen, auf den ersten Blick grundverschiedener Anordnungen von miteinander wechselwirkenden Untereinheiten übertragbar, wie sie zum Beispiel die Moleküle bei den Vorgängen der Entmischung von Lösungen oder des Schmelzens/Kristallisierens, die Molekülsorten bei der präbiotischen Evolution oder die Menschen bei der Meinungsbildung in einer Bevölkerung darstellen.

Daß die Meinungsbildung in einer Bevölkerung den gleichen Gesetzen folgen könnte wie sie sonst in der Natur in "komplexen Systemen" vorkommen, wird etwa recht anschaulich behandelt in dem Buch "Erfolgsgeheimnisse der Natur" des Stuttgarter Physikers Hermann Haken. Dieses Buch stellt ebenfalls eine allgemeinverständliche Hinführung zum Thema der Theorie komplexer Systeme dar, für die Lars Onsager die wichtigsten theoretischen Grundlagen gelegt hatte.

Die meistzitierte Arbeit von Lars Onsager ist tatsächlich diejenige über das Ising-Modell von 1944 (8).

Wenn man einem Wissenschaftler wie Onsager also nur schwer über die Inhalte seiner Forschungen näher kommen kann, so vielleicht doch ein wenig mehr über einige Angaben zu seinem sonstigen Leben. Onsager ist in Oslo aufgewachsen, hat in er Schule eine Klasse übersprungen und im Jahr 1920 ein Chemie-Studium an der Universität Trondheim aufgenommen (14):

Schon während seines Studiums zeigte er seine Unabhängigkeit als er sich auf eigene Faust ein breites und tiefgehendes Wissen auf dem Gebiet der Mathematik aneignete und während er sich mit dem jüngst (1923) veröffentlichten Durchbruch in der Elektrolyt-Theorie von Pieter Debye und seinem Assistenten Hückel beschäftigte. Onsager fand einen Fehler in jenem Teil der Theorie, der die Leitfähigkeit des Elektrolyts betraf. Nach seinem Studienabschluß als Chemie-Ingenieur der Universität Trondheim reiste er 1925 nach Zürich, um Debye zu besuchen. Der unbekannte 22-Jährige aus Norwegen marschierte in das Arbeitszimmer des berühmten Wissenschaftlers mit den Worten: "Professor Debye, Ihre Theorie der Elektrolyte enthält einen Fehler!" Der berühmte Debye war den dreisten jungen Mann nicht hinaus. Im Gegenteil, in der nachfolgenden Diskussion war er so beeindruckt von dem jungen Norweger, daß er ihm eine Stelle als sein Assistent für das nachfolgende Jahr anbot. (...) Seine Verbesserungen der Theorie von Debye und Hückel über die Leitfähigkeit der Elektrolyte verschaffte ihm bald einen Namen unter den Elektrolyt-Experten.
Already during his studies, he showed his independence by acquiring on his own a broad and profound knowledge of mathematics, and by familiarizing himself with the recently published (1923) breakthrough in electrolyte theory by Pieter Debye and his assistant Hückel. (An electrolyte is a solution of ionized molecules, and can conductelectricity.) Onsager found an error in that part of the theory which concerns the conductivity of the electrolyte. After his graduation as a chemical engineer from NTH he travelled, in 1925, to Zürich to visit Debye. The unknown 22-year old from Norway walks into the famous scientist’s office with the announcement: ‘‘Professor Debye, your theory of electrolytes is incorrect!’’ But the famous Debye does not throw out the impudent youngster. On the contrary, in the subsequent discussion, he is so impressed by the young Norwegian that he offers him a job as his assistant for following year. (...) His improvements of Debye and Hückel’s theory of electrolytic conduction quickly earned him a name among the experts on electrolytes.

1932 reichte er seine Doktorarbeit an der Universität Trondheim ein, die nur 37 Seiten umfaßte, die er aber dennoch als die "beste seiner bisherigen Arbeiten" charakterisierte. Infolge anderer drängender Arbeiten hätte er nicht die Muse, seine Doktorarbeit ausführlicher zu schreiben. Der Universität war das dennoch zu wenig. Onsager soll gesagt haben (14):

Allerhand Leute gibt es, darunter sicherlich viele talentierte, die sich mit Methoden bewaffnen und dann auf die Jagd nach behandelbaren ("vulnerable") Problemen gehen. Ein Problem aber gemäß seiner eigenen Bedingungen zu akzeptieren und sich seine eigenen Waffen schmieden - das erst ist wirklich erstklassig!
There are a lot of folks, some quite talented, who arm themselves with methods and then go hunting for vulnerable problems; but to accept a problem on its own terms, and then forge your own weapons - now that’s real class!

1933 lernte Onsager in Österreich seine nachmalige Ehefrau Gretl kennen. Darüber wird berichtet (9):

Onsager blieb an der Brown-Universität bis 1933. (...) Im Sommer jenes Jahres weilte Lars in Europa und besuchte H. Falkenhagen, den österreichischen Elektrochemiker. Falkenhagen fühlte sich aber unpäßlich und bat deshalb seine Stiefschwester Gretl (Margarethe Arledter), sich um Lars zu kümmern. Gretl sah ihn die Treppen herauf kommen - einen sehr gut aussehenden jungen Mann, von dem ihr Bruder ihr gesagt hatte, er wäre "seiner Zeit weit voraus". Dann gingen sie zum Essen aus. Wie immer war Lars aber von sehr zurückhaltendem Wesen. Nach dem Essen schlief er auf der Terrasse. Dann wachte er auf und fragte sie: "Sind Sie verliebt?" Acht Tage später verlobten sie sich - Margarethe war 21 und Lars 29. Am 7. September 1933 heirateten sie.
Original: Onsager remained at Brown University until 1933, when the economic depression made it necessary for his appointment to be discontinued; it would have been impossible for the chemistry department to convince the university that his services as a teacher were indispensable. In the summer of that year Lars was in Europe, and went to visit H. Falkenhagen, the Austrian electrochemist. Falkenhagen was unwell at the time and asked his sister Gretl (Margarethe Arledter) to entertain Lars. Gretl saw him coming up the stairs—a very handsome young man who her brother had told her was ‘well ahead of his times’. They went out to dinner, but Lars was his usual reticent self. After dinner he fell asleep on the patio, and then woke up and asked: ‘Are you romantically attached ?’ They became engaged 8 days later - Margarethe at 21 and Lars at 29 - and got married on 7 September 1933.

Aus der Ehe sollten vier Kinder hervor gehen. Onsager erhielt 1934 eine Professur. Da er aber nie promoviert hatte, mußte er 1935 nachträglich eine Doktorarbeit einreichen. Aber weder die Chemiker, noch die Physiker fühlten sich ihrer komplizierten Mathematik gewachsen. Sie gaben sie deshalb an die Mathematiker weiter. Dort war man dann hoch erfreut über Onsager's Arbeit und befürwortete die Promotion.

"Die Onsager'sche Lösung hätte ich nicht heraus bekommen"

Das Ehepaar Onsager kaufte sich in den USA einen Bauernhof, auf dem Lars mit großer Begeisterung Gemüse anbaute und das Landleben genoß. Onsager schwamm gerne. Und bis an sein Lebensende unternahm er Skitouren (9).

Da Gretl und Lars in den USA "Ausländer" waren, wurde Onsager nicht für jene Forschungen herangezogen, die in Zusammenhang mit der Kriegsführung standen. Für Onsager hatte das wertvolle Folgen (9):

Er fand Zeit, um so angestrengt oder noch angestrengter zu denken als er es jemals zuvor getan hatte, um ein Schlüsselproblem in der Physik zu klären, von dem andere mit guten Gründen angenommen hatten, daß es jenseits der Möglichkeiten der menschlichen Intelligenz liegen würde. (...) Sie nahm die Welt der Theoretischen Physiker im Sturm. (...) So wie es Pippard im Jahr 1961 beschrieb: "Onsager's exakte Behandlung, die eine Sensation hervorrief, als sie erschien, zeigte, daß die spezifische Wärme tatsächlich am Übergangspunkt zur Unendlichkeit anwuchs, ein Phänomen, das jene sehr grundlegend verwirrte, die sich sicher waren, daß Schwankungen immer ausgeglichen würden durch die Schroffheit, die durch die Annäherungen in der Analyse geschaffen wurden. (....) Diese Arbeit gab dem Studium kooperativer Phänomene einen ganz neuen Schwung ... und es ist sicherlich die wichtigste Einzelleistung in diesem wichtigen Forschungsfeld."
Original: He was able to find the time to think as hard, or harder, than ever before and to solve a key problem in physics others might well have believed to lie beyond the reach of human intelligence. (...) It took the world of theoretical physics by storm. (...) As Pippard wrote, in 1961: "Onsager's exact treatment, which created a sensation when it appeared, showed that the specific heat in fact rose to infinity at the transition point, a phenomenon which profoundly disturbed those who were sure that fluctuations always smoothed over the asperities which were created by approximations in the analysis. This work gave a new impetus to the study of cooperative phenomena, ... and it is certainly the most important single achievement in this important field."

Unter Physikern erzählt man sich Anekdoten wie diese (9): 

Lev D. Landau (...) sagte zu V. L. Pokrovskii, daß während die Arbeiten anderer Theoretiker seiner Generation für ihn keine wirkliche Herausforderung darstellen würden, er sich nicht vorstellen könne, daß er selbst die Onsager'sche Lösung des Ising-Modell's herausbekommen hätte.
Original: Lev D. Landau, whose own general phenomenological theory of phase transitions was fatally undermined by Onsager's results, told V. L. Pokrovskii that while the work of other theorists of his generation presented no real challenges to him, he could not envisage himself accomplishing Onsager's solution of the Ising model.

Der hier genannte sowjetische Theoretische Physiker Lev Landau (1908-1968) (Wiki) hatte 1929 bei Werner Heisenberg in Leipzig und bei anderen Physikern in Deutschland studiert (Wiki):

Er teilte Physiker in eine logarithmische Skala von 0 bis 5 ein (0 war die höchste Stufe), stufte Einstein bei 0,5 ein, die Väter der Quantenmechanik (Schrödinger, Bohr, Heisenberg, Bose, Dirac, Wigner) bei 1, sich selbst anfangs bei 2,5, und relativ spät in seiner Karriere bei 2.

Die Theoretischen Physiker und Chemiker der damaligen Generation erzählten sich noch viele andere, sie außerordentlich beeindruckenden Erlebnisse mit Lars Onsager. So etwa auch der bekannte amerikanische Physiker Richard Feynman (9, S. 458f). Sie berichteten auch darüber, daß Onsager das Ergebnis seiner Forschungen nicht selten intuitiv vorausahnte und mit seinen mathematischen Berechnungen diese Intuition dann nur noch rational nachvollzogen hat, also quasi "ratifiziert" hat (9).

Erst vor drei Jahren, 2018, schrieb der indischer Chemiker Biman Bagchi über Lars Onsager (10):

Über ihn wird oft gesagt, auch heute noch, daß er der "beste Mathematiker" war, den es in der Theoretischen Physik und in der Theoretischen Chemie jemals gegeben habe.
Original: He is often cited, even today, as the “best calculator” that theoretical physics and theoretical chemistry has ever seen.
Über Julian H. Gibbs, der zusammen mit dem nachmaligen Konstanzer Biophysiker Gerold Adam (1933-1996) (Wiki) eine bis heute oft zitierte Arbeit über das physikalische (ebenfalls kooperative irreversible) Phänomen die Glasbildung vorlegte ("Adam-Gibbs"), berichtet Biman Bagchi in diesem Zusammenhang (10):
Mein eigener Doktorvater an der Brown-Universität, Julian H. Gibbs, verbrachte ein gemeinsames Jahr mit Onsager in Cambridge. Gibbs war dort als Guggenheim Fellow tätig. Er erzählte mir, daß Onsager sich gerne viel mit ihm zu unterhalten habe, weil sie beide die einzigen Amerikaner in der Theoretischen Physikalischen Chemie in Cambridge waren. Gibbs erzählte, daß Onsager wissenschaftlich unglaublich und ein ebenso fröhlicher wie warmherziger Mensch gewesen sei. Gibbs fand Onsagers Ansatz auf so hoher Verständnisebene angesiedelt, daß er Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten.
My own thesis adviser at Brown University, Julian H. Gibbs, overlapped about a year with Onsager at Cambridge where Gibbs was a Guggenheim Fellow. Gibbs told me that Onsager used to talk a lot with him because they two were the only Americans in theoretical physical chemistry at Cambridge. Gibbs told me that Onsager was incredibly smart with science, and was quite a jolly and warm guy. Gibbs found Onsager’s approach so high level that he had to struggle to keep up with him. 

Und Biman Bagchi schreibt bewundernd weiter (10): 

In diesem Zusammenhang muß ich den Leser daran erinnern, daß Julian Gibbs selbst außergewöhnlich war. Neben anderem sind ja seine Theorien über die Glasbildung (Adam-Gibbs, Gibbs-DiMarzio) sehr bekannt.
Original: I need to remind the reader that Julian Gibbs himself was outstanding, and his theories of glass transition (Adam-Gibbs, Gibbs–DiMarzio) among others, are well-known.

Die hier erwähnte "Adam-Gibbs"-Arbeit wurde dementsprechend 1982 mit dem "Citation Award" ausgezeichnet (11). Der Konstanzer Biophysiker Gerold Adam, mit dem zusammen Julian H. Gibbs eine der beiden eben genannten "außergewöhnlichen" Arbeiten vorlegte, erforschte später - ebenfalls als Theoretischer Physiker - Phasenübergänge bei der Nervenerregung. Vielleicht hatten diese Forschungen Onsager's Interesse geweckt, und vielleicht war Onsager in den 1970er Jahren in diesem Zusammenhang zu Besuch nach Konstanz gekommen.

Außer mit dem genannten Citation Award ist Gerold Adam unseres Wissens niemals mit einem Wissenschaftspreis ausgezeichnet worden, während Julian Gibbs und Edmund A. DiMarzio 1967 in Chicago gemeinsam den Preis für Hochpolymer-Physik der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft erhalten haben. Der Autor dieser Zeilen hat DiMarzio vor einigen Jahren (2014) angeschrieben und erfahren, daß DiMario es bedauert, Gerold Adam niemals persönlich begegnet zu sein.

Manfred Eigen - Sein Hinweis an das Nobelpreisträgerkomitee 

Der Chemiker Manfred Eigen hatte 1967, ein Jahr vor Lars Onsager den Nobelpreis erhalten. Eigen berichtet darüber (12):

In meiner Nobelrede sagte ich den Satz: I am ashamed to receive this price before Lars Onsager. Lars Onsager war einer der großen theoretischen Chemiker unserer Zeit. Er hatte eine allgemeine Theorie irreversibler Vorgänge nahe am thermodynamischen Gleichgewicht erstellt. Die chemische Relaxationsspektrometrie, die experimentelle Methode, für die ich den Preis erhielt, basiert auf Gleichungen, die wir aus Onsagers linearen Ansätzen entwickeln konnten. Onsager, der ungefähr eine Generation älter war als ich, war klarer Kandidat für einen Nobelpreis, jedoch sein Werk war reine Theorie. Nach meinem Vortrag kam Arne Tiselius, ebenfalls ein Chemie Nobel-Laureat und zu jener Zeit Präsident der Nobel Foundation, zu mir und sagte: If you mean what you said about Onsager, you have to write me a letter in which you state clearly that Onsager’s theory was important for the development of your experimental methods.Ich habe diesen Brief geschrieben und Onsager bekam im darauf folgenden Jahr den Nobelpreis für Chemie.

Dieser Bericht ist noch einmal ein Hinweis darauf, daß das Bewußtsein von der wissenschaftliche Leistung von Lars Onsager auch innerhalb der Wissenschaft selbst nur bei wenigen vorhanden war. Auf diese Weise kann es immer wieder dazu kommen, daß bedeutende Wissenschaftler bei der Verleihung des Nobelpreises "vergessen" werden. 

Übrigens kann gegen den Mythos, daß ein Theoretiker wie Onsager keinerlei praktische Fähigkeiten aufweisen würde, vieles angeführt werden. Es wird berichtet, daß Onsager ein begeisterter Gärtner war, daß er alle Reparaturen zu Hause selbst besorgte. Und von einer Physiker-Rundreise durch Japan anläßlich einer wissenschaftlichen Konferenz daselbst nach dem Zweiten Weltkrieg wird berichtet, daß der Reisebus von der Straße in einen Graben abgerutscht sei (14):

Die Fahrer, die örtlichen Bauern und die Physiker standen herum und brabbelten in allerhand Sprachen bis Onsager, einen Seufzer ausstoßend kraftvoll die Verantwortung übernahm. Er organisierte eine Arbeitsgruppe von örtlichen Bauern, die eine Behelfsbrücke über den Graben legen sollten, arrangierte ein System von Hebestangen und mit den Muskeln von zwanzig bis dreißig Physikern und Onsagers Ansage und Aufmunterung brachten wir den Bus - zu unserem Erstaunen - wieder zurück auf die Straße.
Drivers, local farmers, and physicists stood around jabbering in several languages until Onsager, with a sigh, firmly took charge. He organised a work crew of local farmers to dismantle a log bridge over the ditch, arranged a system of levers, and with the muscle of 20 or 30 physicists and Onsagers’s direction and encouragement we, to our astonishment, put the bus back on the road.

 

Weitere Erinnerungen zum Onsager-Besuch in Konstanz  

Ergänzung 15.2.2021: Nach Veröffentlichung dieses Beitrages erhalten wir noch ergänzende Angaben zu dem Onsager-Besuch in Konstanz im Jahr 1975 von Seiten der Ehefrau des damals einladenden Hochschullehrers. Auslöser, so schreibt sie, könnte ein wissenschaftlicher Aufsatz von 1971 gewesen sein (13), der - wie auf Google Scholar festgestellt werden kann - auffallender Weise bis heute nie zitiert worden ist, der also ansonsten heute offenbar nie die Aufmerksamkeit in der Wissenschaft auf sich gelenkt hat. Es wird jedenfalls geschrieben: 

Es kann gut sein, daß Onsager selbst die Verbindung zu Gerold gesucht hat. Gerold hat auch eine Arbeit über das zweidimensionale Isingmodell veröffentlicht (1971: "Kinetik des zweidimensionalen Isingmodells in der Braggs-Williams-Näherung: Kleine Auslenkungen aus dem Gleichgewicht"). Onsager hielt einen Vortrag an der Uni, den vermutlich Gerold angeregt hat. Den Titel kenne ich nicht. Er wäre in denkbar schlechtem Englisch gewesen, meinte Gerold. 

Nach dem Vortrag saß er in Gerolds Arbeitszimmer in der Uni und schwieg und Gerold machte ihm einen Tee und schwieg auch.

Wir hatten ihn auch bei uns zuhause zu Besuch. Er freute sich über die 4 kleinen weißen Stiefelpaare (der Kinder) vor unserer Haustüre. An ihn selbst kann ich mich kaum erinnern. Er muß schon 70 Jahre alt gewesen sein.

Im Gespräch ging es auch über Steine mit Keilschriften, die in Mittelamerika gefunden worden waren. Das bedeutete, daß Europäer schon dort gewesen sind. Er: man weiß es, aber es wird nicht darüber gesprochen, d.h. es wird verschwiegen. Den Wortlaut weiß ich nicht mehr genau.

Seine Frau stamme aus "Marburg an der Drau“, ich wußte, daß dies das heutige Maribor ist, unsere anderen Gäste, ein junges Wissenschaftlerpaar, jedoch nicht. 

Er, ein Weinkenner, wußte auch, wie ein bestimmter Kärntner Wein 1936 (?) schmeckte. Auf die Frage Gerolds, was er von unseren französischen Rotweinen von 1933 und 1943 hielte: wenn wir je dran denken wollten, sie zu trinken, sollten wir nicht mehr allzu lange warten.

Es war in meiner Erinnerung ein sehr netter Abend gewesen.

Eingeleitet worden war die Zuschrift mit den Worten:

Deine Anfrage hat alte Erinnerungen wieder aufleben lassen. 1974 - Dez. 1976 wohnten wir in einem sehr kleinen Häuschen zur Miete in Konstanz/Wollmatingen, Mitte Dez. 76 zogen wir in unser eigenes Haus.

____________ 

  1. Onsager, Lars: Zur Frage des Ursprungs des Lebens, Nobelpreisträger-Tagung in Lindau 1975, https://www.mediatheque.lindau-nobel.org/videos/31467/once-upon-a-time-questions-on-the-origin-of-life-german-presentation-1975/meeting-1975
  2. Raunen auf dem Gang. In: Der Spiegel, 45/1968, 04.11.1968, https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45935170.html
  3. Hopmann, Rudolf: Formeln für die Chemie von morgen - Lars Onsager entwickelte eine Mathematik für viele Vorgänge in der Natur, ZEIT Nr. 45/1968, 8. November 1968, https://www.zeit.de/1968/45/formeln-fuer-die-chemie-von-morgen
  4. Paul L.Butzera, Tom H.Koornwinderb: Josef Meixner: His life and his orthogonal polynomials. In: Indagationes Mathematicae, Volume 30, Issue 1, January 2019, Pages 250-264, https://doi.org/10.1016/j.indag.2018.09.009.
  5. F. Schlögl: Persönliches: Josef Meixner. In: Physik Journal. 50, 1994, S. 584–584, doi:10.1002/phbl.19940500619.
  6. Meixner, Josef: Chemie‐Nobelpreis 1968 für Lars Onsager. (Laudatio vom 23. Juli 1962 anläßlich der Ehrenpromotion von Prof. Onsager an der Rheinisch‐Westfälischen Technischen Hochschule Aachen), In: Physikalische Blätter, Februar 1969, https://doi.org/10.1002/phbl.19690250204.
  7. Leupold, Hermin: Wie erweist sich die Richtigkeit intuitiver Einsichten? Verifikationsprobleme bei wissenschaftlichen und philosophischen Problemen. In: „Die Deutsche Volkshochschule, Folge 61, Mai 1989, S. 1-13 [Zweiter Beitrag der Aufsatzreihe zum Rahmenthema: Die Evolution aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie] 
  8. Onsager, Lars: Crystal Statistics. I. A Two-Dimensional Model with an Order-Disorder Transition. In: Phys. Rev. 65, 117 – Published 1 February 1944, https://journals.aps.org/pr/abstract/10.1103/PhysRev.65.117
  9. Longuet-Higgins, Hugh Christopher; Fisher, Michael Ellis: Lars Onsager, 27 November 1903 - 5 October 1976 - Obituary. Biographical memoirs. Published:01 November 1978, https://doi.org/10.1098/rsbm.1978.0014
  10. Bagchi, Biman: Lars Onsager (1903–1976). In: Resonance, Oktober 2018
  11. Adam, Gerold; Gibbs, Julian H.: On the Temperature Dependence of Cooperative Relaxation Properties in Glass‐Forming Liquids. In: J. Chem. Phys. 43, 139 (1965)
  12. Eigen, Manfred: Anmerkungen eines Preisträgers. In: Das Göttinger Nobelpreiswunder - 100 Jahre Nobelpreis - Vortragsband, hrsg. von Elmar Mittler und Fritz Paul, Göttingen 2004, S. 53ff
  13. Adam, Gerold: Kinetik des zweidimensionalen Ising-Modelles in der Bragg-Williams-Näherung: kleine Auslenkungen aus dem Gleichgewicht. In: Zeitschrift für Physikalische Chemie, Bd. 74, S. 78-80 (1971), doi:10.1524/zpch.1971.74.1_2.078, https://www.degruyter.com/document/doi/10.1524/zpch.1971.74.1_2.078/html
  14. Hauge, Eivind H.: Lars Onsager - The NTH student who became one of the greatest scientists of the 20th century. In: Energy 30 (2005), S. 787-793 (Academia)  

Samstag, 5. Januar 2019

Die Liebe, die Wissenschaft und Max Delbrück

Wie fühlt es sich an, einen genialen Wissenschaftler zum Freund zu haben?

Der Konstanzer Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer (geb. 1947) (Wiki) hat die bis heute ausführlichste und gelungenste Biographie über den deutsch-amerikanischen Biophysiker und Nobelpreisträger Max Delbrück (1906-1981) (Wiki) geschrieben. In der Erstauflage trug sie den Titel "Licht und Leben" (1). Bei dieser Biographie handelt es sich um ein hinreißendes Buch. Der Geist zweier Generationen von Wissenschaftlern, die im Leben von Max Delbrück eine Rolle gespielt haben - sowohl jener Generation, durch die Max Delbrück angeregt worden ist (Niels Bohr etwa) oder jene Generation, die von Max Delbrück angeregt worden ist - beides findet sich in diesem Buch wieder.

Der Öffentlichkeit ist Ernst Peter Fischer nach der Veröffentlichung dieser Biographie bis heute durch viele weitere Bücher und Vorträge bekannt geworden. Viele Vorträge und Interviews von ihm finden sich auch in Videoform im Internet. Ein Interview aus dem Jahr 2018 mag man nicht zuletzt auch deshalb als wichtig empfinden, weil darin - in den Minuten 14'35 bis 19'48 - davon die Rede ist, daß Max Delbrück als letzte Bemerkung vor seinem Tod an seinen Biografen noch die Frage gerichtet hatte (2):

Wie kannst du es wagen, mein Leben zu beschreiben, wenn du nichts über mein Sex-Leben weißt?

Im Anschluß an das Erzählen dieser Frage bringt Fischer gleich als Beispiel Werner Heisenberg, und daß ein Biograph bei Heisenberg genug zu tun hätte, dessen Wissenschaft zu beschreiben. Doch gerade auch der Fall Heisenberg könnte ebenso gut deutlich machen, wie sehr Max Delbrück mit seiner Bemerkung ins Schwarze getroffen hatte. Denn auch für Heisenberg war - wie wir heute wissen (3) - die erste große, unerfüllte Liebe in seinen Leben für viele Jahre ein sehr bedeutender Lebensinhalt. Er war ihm wichtiger als der Nobelpreis, den er in derselben Zeit erhalten hat. Heisenberg gab in dieser Zeit sogar zum Ausdruck, daß sein ganzes Leben scheitern könne, wenn er bezüglich dieser unerfüllten Liebe nicht zu einer gelungenen Lösung finden würde (3).

Mit wie viel Lebensernst Heisenberg über solche Fragen dachte, geht deutlich genug aus dem sich über viele Jahre hinweg erstreckenden Briefen an seine Eltern hervor (3). Deshalb wird diese Frage von Max Delbrück natürlich auch nicht "die Schnappsidee eines alten Mannes, der stirbt" sein - wie das Ernst Peter Fischer so unernst charakterisiert. Sondern es handelt sich ja schließlich um das menschlichste Thema, das es überhaupt gibt. Es handelt sich um jenes Thema, das uns Menschen erst zu Menschen macht.

Fischer hat nun aber tatsächlich "gewagt", seine Biographie über Max Delbrück zu schreiben, ohne auf dieses Thema Bezug zu nehmen, ohne auf dasselbe einzugehen (1). Und diese Biographie hat nun auch in der Tat aufregende Inhalte genug, als daß es der Behandlung dieses Themas noch zusätzlich bedurft hätte, um sie zu einer aufregenden zu machen. Allerdings hatte der Leser schon bei der ersten Lektüre derselben das Gefühl, daß er mehr wissen können sollte und daß er gerne mehr wissen würde über die Beziehungen von Max Delbrück zu jenen Frauen, die in seinem Leben eine Rolle gespielt haben.

Wenn man aber nun noch zusätzlich erfährt, daß Max Delbrück sogar in dieser Weise eine klare Anregung gegeben hatte, noch dazu kurz vor seinem Tod, so bedauert man es um so mehr, daß sich Fischer auf dieses "Wagnis" eingelassen hat. Die ersten Andeutungen allerdings, die Fischer dann gibt - hinsichtlich des fröhlichen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in Cold Spring Harbour - sind dann viel zu ungenügend, um aus diesen irgendwelche Schlußfolgerungen ziehen zu können.

James Watson hat in Erinnerungen (4) und Büchern wie "Genes, Girls and Gamov" (5) - vielleicht auch in anderen wie etwa in "Avoid Boring People" - zu diesen Dingen ja ebenfalls schon Andeutungen gegeben, wertvolle Andeutungen. Letzteres ist dem flapsigen Titel des genannten Buches nicht unbedingt anzumerken.

Vom August 1965 bis Dezember 1966 war mein Onkel, der vormalige Konstanzer Biophysiker Gerold Adam (1933-1966) (Wiki), Mitarbeiter von Max Delbrück in Pasadena. Diese Zeit in Kalifornien hat ihn sehr maßgeblich geprägt. Bis zum Tod von Max Delbrück blieb Gerold mit Max in freundschaftlicher Verbindung und im regen Austausch von Briefen. Gerold hatte auch eine Professur erhalten an der - unter maßgeblicher Mithilfe von Max Delbrück gegründeten - Forschungsuniversität Konstanz.

"Du bist Ishi!" (1967)

Mit Hilfe des Briefwechsels zwischen Gerold und Max Delbrück sowie mit Hilfe dessen, was Gerold darüber zu Lebzeiten erzählt hat, können die von Ernst Peter Fischer angesprochenen Fragen noch eine zusätzliche Erläuterung und Veranschaulichung erhalten. Gerold hat erzählt, daß Manny und Max Delbrück während seines Aufenthaltes in Pasadena immer wieder versucht haben, ihn mit jungen Frauen zusammen zu bringen. Denn sie waren der Meinung, es würde ihm gut tun, verheiratet zu sein. Zu diesem Zweck wurden junge Frauen zu gemeinsamen Essen eingeladen. Gerold erzählte, daß Manny und Max Delbrück ihm zum Abschied die damals ganz neu erschienene Biographie über Ishi (Wiki), den berühmten, letzten frei lebenden Indianer Kaliforniens, geschenkt hätten, benannt "Ishi in two worlds" (6). Manny habe in diesem Zusammenhang zu Gerold gesagt: "Du bist Ishi!" Gerold hat auch wiederholt gerne von Ishi selbst erzählt. Ishi ist als letzter Überlebender seiners Stammes auf Angebote von jungen, weißen Frauen, mit ihm Kinder zu haben, nicht eingegangen. Gerolds Unterton war, daß er sich tatsächlich oft selbst als ein solcher "Letzter seines Stammes" fühlte und - wie die Aussage von Manny andeutet - auch von damaligen Freunden so wahrgenommen worden ist.

Gerold ist dann im Dezember 1966 von Pasadena aus - über Island - nach Marburg an seine Heimat-Universität zurück gekehrt (nach fünfjährigem Auslandsaufenthalt). Um die warmherzige Art zu charakterisieren, die Max dann zeitlebens gegenüber Gerold innehielt, sei hier zitiert, was Max gleich nach der Abreise an Gerold schrieb: 

Prost Neujahr! Ich hoffe, daß du nicht auf Island stecken geblieben bist. Ich hatte noch versucht, Dich am Huntington Hotel zu treffen, um Dir Brecht's "Kalendergeschichten" als Reiselektüre mitzugeben. Leider kam ich erst in dem Augenblick an, als Dein Bus schon losfuhr. Zu viel Party letzte Nacht! Alles ist nun sehr ruhig in den Phyco- und Phage-Laboren. M.
Original: Prosit Neujahr! Hope you did not get stuck in Iceland. Tried to see you off at Huntington Hotel and give you Brecht's „Kalendergeschichten“ as Reiselektüre but got there just as your bus pulled out. Too much party in the night before! Now all very quiet in the Phyco and Phage labs. M.
Der Abschied von Gerold war - wie man an diesen Worten erkennen kann - ausgiebig gefeiert worden. Man erhält hier Anregung, einmal in die Kalendergeschichten von Bertolt Brecht (Wiki) hinein zu schauen, die 1949 erschienen sind. Am 27. Januar 1967 beendete Max einen längeren Brief an Gerold mit den Worten: 
Wir alle vermissen Dich. Vor allem ich. M.
We all miss you. I especially. M.
Auch der damals junge Biologe Martin Heisenberg (Sohn von Werner Heisenberg), der damals noch länger bei Max Delbrück blieb, stand kurzzeitig mit Gerold im Briefwechsel. Am 11. März 1967 schrieb Max in einem Brief an Gerold in Marburg etwa auch: 
Lieber Gerold, wie umständlich, einen langen Brief schreiben zu müssen, anstatt einfach runter in die Halle zu zuckeln, um dort die Dinge mit Dir durchzusprechen.
Dear Gerold: What a nuisance it is to have to write a long letter to you rather than trotting down the hall and talking things over.
Der Briefwechsel enthält dann natürlich viel "schwere Kost", nämlich wissenschaftliche Erörterungen im Bereich der theoretischen Biologie und auch Erörterungen darüber, wo Gerold seine wissenschaftliche Laufbahn weiter führen könne. Das kann andernorts noch einmal ausführlicher dokumentiert werden. Es sollen hier nur noch die Ausschnitte zitiert werden, die Bezug haben zu den von Ernst Peter Fischer in seinem Interview aufgeworfenen Fragen. Am 14. April 1967 schrieb Manny an Gerold: 
Lieber Gerry, (...) ich bin froh, daß Du "Ishi" bekommen hast und mit ebenso viel Sympathie für seine Persönlichkeit gelesen hast wie ich schon fest erwartet hatte.
Dear Gerry, (...) I am glad, you received and read "Ischi" with as much sympathy as I counted on you to feel for this personality.

Damit wird deutlich, daß über Ishi schon vor der Abreise von Gerold gesprochen worden war. Manny hatte Gerold das Buch nachgeschickt.

"Was macht dein Liebesleben?" (1968)

Ein Jahr später, am 26. Juni 1968, schrieb Manny aus dem vom Sommersturm umbrausten Cold Spring Harbor an Gerold einen vierseitigen Brief. Sie schildert lebhaft und bildhaft das fröhliche, wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Leben dort, das ja aus vielen Berichten über Max gut bekannt ist. Unter anderem schreibt sie: 

Gestern Abend hatten wir eine Hummer-Wein-Party. Jim Watson und seine neue, junge Frau waren da und es sieht dem ersten Augenschein nach nach einer glücklichen Zukunft für sie aus. - Deshalb sagt Max, daß auch Du Mut fassen sollst, eines Tages wirst Du auch eine Begleiterin finden, was um so kostbarer sein wird, nachdem Du so lange ohne eine solche gelebt hast.
Last night we had a lobster wine party. Jim Watson and his new young wife were there and from first appearances it looks like a happy future for them - so Max says, you should take heart for one day you too will find a compagnion, the more precious for having gone long without. 
Das sind so schöne, verständnisvolle Worte. Wer wünscht sich nicht solche Freunde? Und - tatsächlich! Nur wenige Wochen später sollte Gerold seine nachmalige Frau kennen lernen. Max wußte davon freilich noch nichts und schrieb am 27. Oktober 1969 an Gerold als handschriftlichen Zusatz zu einem Brief: 
Was macht Dein Liebesleben? Martin hat Dich überholt.
What about your love life? Martin got ahead of you.

Damit wird Martin Heisenberg gemeint sein. Es ist dies die Zeit, in der Max Delbrück den Nobelpreis erhalten hat. Von da an war er von viel Rummel umgeben. Und es ist dies die Zeit, in der Gerold eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz erhalten hat.

Hochzeit (1969)

Gerold heiratete am 6. Dezember 1969 in Salzburg. Ob er oder Martin Heisenberg nun schneller waren, wäre womöglich noch einmal zu klären. Als Hochzeitsreise fuhr das junge Paar mit dem Auto durch die Pyrenäen nach Spanien. Manny schrieb am 21. Januar 1970 mit sehr viel Anteilnahme: 

Eure Heiratsanzeige und den Bericht von Eurer wunderschönen Reise durch Spanien haben wir erhalten noch bevor wir Euch hatten gratulieren können! Natürlich hofften wir, Euch rund um den Hochzeitstermin herum zu sehen, irgendwann vor unserem nächsten Besuch in Konstanz, wo wir dann hoffen, Deine Frau kennenzulernen. Ich fragte Patty Reau (?) (die jetzt wieder zurück in Pasadena ist und in Max's Labor an ihrem eigenen Phyco-Projekt arbeitet). Sie sagte aber, daß Deine Frau bei ihr in Konstanz niemals aufgetaucht sei.
We have your wedding announcement and the description of your beautiful trip through Spain already came before we got around the congratulations! Of course, we expected you to see around to the wedding sometime before our next visit to Konstanz when we'll look forward meeting your wife. I questioned Patty Reau (?) (who is now back in Pasadena, installed in Max's lab with her own phyco project) but she replied that your wife never did show up in Konstanz to her.
Im weiteren ist noch von dem Hochzeitsgeschenk die Rede. Der Brief schließt mit: 
Seid glücklich miteinander! Eure Manny und Max.
Be happy together! Yours Manny and Max.

Was für eine herzliche Anteilnahme. So viel an dieser Stelle als Ergänzung zu den Andeutungen von Ernst Peter Fischer, ebenso als eine Ergänzung natürlich zu den wissenschaftlichen Biographien von Gerold und Max Delbrück.

Übrigens kommt uns, nachdem wir diesen Beitrag einmal wieder nach längerem zeitlichen Abstand durchsehen die Erinnerung an Andeutungen Gerolds dahingehend, daß es von Seiten des weiblichen Teils der Mitarbeiterschaft an der Universität in Konstanz sehr wohl gelegentlich Versuche gab, das ausschließliche Band Gerolds zu seiner Frau als doch nicht so ausschließlich zu erachten. Ohne Erfolg.

/ Ergänzung 11.3.25 / Gerold gelang es aber noch in seinen späten Lebensjahren spielend, junge Frauen für sich einzunehmen. Der Verfasser dieser Zeilen weiß, wovon er redet. Seine eigene damalige Partnerin war von Gerold zeitweise mehr eingenommen als von ihm selbst. Was zeitweise sehr viel Unfrieden zwischen den Verfasser dieser Zeilen und sie brachte. 

Dummheiten (1980)

Es soll an dieser Stelle noch auf ein weiteres Interview hingewiesen werden, das in den letzten Jahren zugänglich geworden ist (7). Es handelt such um ein im Jahr 1980 mit Max Delbrück geführtes Gespräch. Das war ein Jahr vor seinem Tod. Max ist deshalb in diesem schon sehr alt. Er antwortet in demselben deshalb vielleicht auch etwas zögerlicher als er das in jüngeren Jahren getan haben wird. Insbesondere anfangs scheint er nach den Worten seiner deutschen Muttersprache zu suchen, die er ja in den USA nicht mehr täglich benutzte.

Aber immer einmal wieder bricht auch in diesem Gespräch sein famoser Humor durch, eine famose, mehr nach innen gekehrte Heiterkeit. Es wird auch deutlich, wie überlegt, wie ernst im Überdenken Max sein konnte, um wie viel Genauigkeit er auch in einzelnen Einschätzungen bemüht war. Als er nach einer etwaigen "preußischen Disziplin" in seinem Elternhaus gefragt wird, verneint er diese zunächst, korrigiert sich dann aber noch einmal: Es wäre vielleicht eine gemäßigte gewesen. Es ist sehr schön zu erleben, wenn ein Mensch so genau ist.

Spürbar ist auch, wie vieles er unausgesprochen läßt, wie vieles er noch außerdem sagen könnte.

Kennzeichnend für ihn ist, daß er mehrmals über Dummheiten redet, die dann erstaunliche Wirkungen zeigten. Die Dummheiten in den Vermutungen von Niels Bohr über Biologie führten dazu, daß er, Delbrück, sich der Biologie zugewandt hat. Sie hatten also eine positive Wirkung. Zuvor hatte seine eigene Dummheit dazu geführt - und auch die von Bohr und anderen - daß die Atomkernspaltung erst im Jahr 1937 entdeckt worden ist und nicht schon drei oder fünf Jahre früher. Ganz richtig sagt Delbrück - aber auch mit jenem überlegenem Abstand, der sich selbst nicht gar so wichtig nimmt, daß sich ohne seine damalige Dummheit die Weltgeschichte doch beträchtlich anders hätte entwickeln können. Er sagt das mit einem so feinen Humor, mit einer so famosen, sanften Heiterkeit.

Vaterfiguren und prägungsähnliches Lernen

Nur allzu offensichtlich ist, daß Gerold einen Menschen wie Max sehr lieben und verehren mußte. Das geht aus mancher Stelle der Briefe zwischen ihnen hervor. Gerold beklagt einmal, daß er in Konstanz niemanden hätte, mit dem er sich so gut unterhalten könne wie mit ihm. Max hatte aber einen außerordentlich großen Freundeskreis. Er kam vielen Aufgaben nach im internationalen Wissenschaftsleben aufgrund seiner großen Bekanntheit. Deutlich ist, daß er für Gerold später nicht mehr so viel Zeit hatte wie Gerold es sich gerne gewünscht hätte.

Mit einem solchen Interview jedoch (7) merkt man, was für eine Gunst des Schicksals - und natürlich auch eigenen Verdienstes - es war, im Leben auf einen solchen Freund wie Max getroffen zu sein. Solche Menschen hat es - vermutlich - schon zu Lebzeiten von Gerold nur noch selten gegeben. Als ich die Biographie "Licht und Leben" einige Jahre nach Gerolds Tod das erste mal las (auf die mich Gerold zu seinen Lebzeiten nie hingewiesen hatte), ging mir erst auf, wieviel an der Art von Gerold auf sein vormaliges Zusammensein mit Max Delbrück zurück zu führen sein könnte. Gerold konnte auch ebenso famos heiter sein wie Max. Und er konnte ähnlich begeisterungsfähig sein wie Max.

Womöglich kann von einer Art prägungsähnlichem Lernen gesprochen werden, das sogar noch an mich - wenigstens ansatzweise - weiter gegeben worden ist, der ich von Gerold sicherlich ebenso stark beeindruckt war, wie Gerold zuvor von Max. Deshalb ist es für den Autor dieser Zeilen auch immer wieder so bewegend, sich mit all diesen Dingen zu beschäftigen. Durch die Person Gerolds hindurch ist er "genötigt" einen Menschen wie Max zu lieben. Womöglich hat Gerold eine bestimmte Art zu sprechen von Max übernommen, eine bestimmte Art zu überlegen, ja, womöglich auch eine bestimmte Art zu lachen. Was für eine glänzende Zeit muß das damals in Pasadena gewesen sein.

Gerold hat noch manches mehr davon erzählt, als jetzt hier wieder gegeben werden soll. Etwa von Ausflügen in die Sierra Nevada. Gerold hat sogar einmal einen Dia-Vortrag darüber gehalten.

Auch hat man das Gefühl, daß Delbrück in dem obigen Interview oft darum bemüht ist, seinen Humor nicht zu sehr durchbrechen zu lassen. Denn er wird da ja doch von einem so durch und durch steifen, trockenen Gesprächspartner interviewt. Der ist ja auch wirklich schon überraschend trocken. Und das konnte eigentlich schon ein Unterhaltungswert für sich sein für Max. Dieser Gesprächspartner ist ja fast eine lebende Karikatur. Aber das durfte Delbrück natürlich nicht zum Ausdruck bringen. Dennoch fragt man sich beim Ansehen ständig - und Delbrück wollte scheinbar diesen Eindruck auch nicht völlig verwischen: Sollten zwei so unterschiedliche Menschen wie diese beiden einander wirklich etwas zu sagen haben?

Interessant auch, wie Delbrück in dem Interview die Zeit in der Atomphysik in Göttingen nach 1925 charakterisiert. Wenn man es recht versteht, hat womöglich Max Delbrück vieles von seiner persönlichen Art wiederum übernommen von seiner eigenen Vaterfigur, als die er ja in diesem Interview so klar und deutlich Niels Bohr charakterisiert.

Was für eine Zeit, was für ein Leben. All diesen Reichtum hat Gerold ohne Zweifel an all jene weiter gegeben, die ihn enger persönlich kennen lernen konnten. Es wäre zu wünschen, daß wir alle uns diesem Reichtum ausreichend würdig gegenüber verhalten würden und uns nicht in Schmach und Schande einem leerlaufenden Mühlrad eines geistlosen, gänzlich unbeschwingten Zeitalters ausliefern würden - so wie diesem heute Milliarden von Menschen ausgeliefert sind.


/ erweitert 5.1.2018;
neu  formuliert 14.3.2020;
überarbeitet 
14.7.22, 11.3.25 /
______________
  1. Fischer, Peter: Licht und Leben. Ein Bericht über Max Delbrück, den Wegbereiter der Molekularbiologie. Universitätsverlag, Konstanz 1985 [Konstanzer Bibliothek, Bd. 2] (= Das Atom der Biologen. Max Delbrück und der Ursprung der Molekulargenetik. Piper-Verlag, München 1988)
  2. Helmut Fink: Fischer • Podcast-Gespräch • Verzauberung oder Entzauberung? Kortizes, 19.12.2018, https://youtu.be/hs9nwJuPpEs 
  3. Bading, Ingo: Werner Heisenberg - Seine erste große unerfüllte Liebe, 10. Januar 2019, https://fuerkultur.blogspot.com/2019/01/werner-heisenberg-und-seine-liebe-zu.html 
  4. Watson, J. D.: Growing Up in the Phage Group. In: Cairns, J.; Stent, G.S.; Watson, J.D. (eds.): Phage and the Origins of Molecular Biology. New York 1966; Expanded Edition. Cold Spring Harbor Laboratory Press 1992, S. 239-245 (Deutsch: Phagen und die Entwicklung der Molekularbiologie. Festschrift für Max Delbrück zum 60. Geburtstag. Berlin (Ost) 1972)
  5. Watson, James D.: Gene, Girls und Gamow. (After the Double Helix, engl. 2001) Piper-Verlag, München 2003
  6. Kroeber, Theodora: Ishi in two worlds. A biography of the last wild Indian in North America. 1961, viele Folgeauflagen; deutsch: Der Mann, der aus der Steinzeit kam (1967) 
  7. Zeugen des Jahrhunderts. Max Delbrück im Gespräch mit Peter von Zahn. 1980, https://youtu.be/ynobDNSnMKc
  8. Bading, Ingo: http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/11/die-pipette-ist-meine-klarinette.html
  9. Detlev Ganten über Max Delbrück. Videokanal des Max Delbrück Centrum, 24.03.2016, https://youtu.be/ZdAYHrOJ7aQ
  10. Göldenboog, Christian: Das Loch im Walfisch. Die Philosophie der Biologie. Klett-Cotta, Stuttgart 2003 (Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

Montag, 25. Mai 2015

Das kollegiale Verhältnis zwischen Hans Ludendorff und Albert Einstein

- Über zwei Jahrzehnte hinweg (1914 bis 1933)

Einleitung / Zusammenfassung

Auf die erste Seite ihres Buches „Siegeszug der Physik – Ein Triumph der Gotterkenntnis meiner Werke“ setzte die naturwissenschaftnah argumentierende Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966) (Wiki) die Worte:

Dem Andenken an den Astrophysiker
Professor Hans Ludendorff
am Tage seines Todes 26.6.1941
gewidmet.

Bei diesem Astronomen Hans Ludendorff (1873-1941) (Wiki)1 handelte es sich um ihren Schwager, um den jüngeren Bruder des Generals Erich Ludendorff (1865-1937). Sie und ihr Schwager waren sich am 21. Mai 1939 anläßlich der Einweihung einer Büste Erich Ludendorffs im Feldherrnsaal des Zeughauses in Berlin durch den damaligen deutschen Generalstabschef Franz Halder begegnet, vielleicht zum letzten mal2.

Abb. 1: Hans Ludendorff (1873-1941) (AIP)

Trotz dieser Widmung gewinnt man als Leser den Eindruck, als ob sich Mathilde Ludendorff - ebenso wie ihr Ehemann Erich Ludendorff - der Bedeutung, die Hans Ludendorff im wissenschaftlichen Leben seiner Zeit eingenommen hatte, gar nicht in vollem Umfang bewußt gewesen waren. Tatsächlich ist diese Bedeutung auch noch nicht einmal in deutschsprachigen Gedenkartikeln hervorgehoben worden, die 1941 und 1942 aus Anlaß des Todes von Hans Ludendorff erschienen sind.

Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, daß der bedeutendste langjährige wissenschaftliche Kollege von Hans Ludendorff in Berlin und Potsdam in den 1920er Jahren kein geringerer war als Albert Einstein (1879-1955), der Begründer der Relativitätstheorie. Da Albert Einstein zwischen 1933 und 1945 in Deutschland zutiefst verfemt war, wurde in Gedenkartikeln auf Hans Ludendorff an seine enge Zusammenarbeit mit Albert Einstein denn auch mit keinem einzigen Wort erinnert. Dieser Umstand wirkte so sehr nach, daß diese Zusammenarbeit noch 1987 in einem Artikel über Hans Ludendorff in der "Neuen Deutschen Biographie" nicht Erwähnung gefunden hat (15). Sie war auch bis zur Intervention des Autors dieser Zeilen im Jahr 2015 nicht auf dem Wikipedia-Artikel zu Hans Ludendorff erwähnt worden. Auf dem englischsprachigen hat sie sogar zum Jahr 2022 nicht Erwähnung gefunden. Viel Anlaß also, daß in dem vorliegenden Aufsatz einmal im Jahr 2015 das zusammen getragen worden war, was bis dahin - mit Hilfe von Internetrecherche - über diese Zusammenarbeit hat zusammen getragen werden können. (Bei Neuveröffentlichung am 23.7.2022 wurde das folgende leicht überarbeitet.)

Der Astronom Hans Ludendorff ist im Jahr 1921 zum Leiter des Astronomischen Observatoriums Potsdam ernannt worden. Er hat damit eine Stelle eingenommen, die zuvor der ihm gleichaltrige, berühmte deutsche Astronom und Astrophysiker Karl Schwarzschild (1873-1916) innegehabt hatte. Der schon mit 43 Jahren verstorbene, geniale Karl Schwarzschild hatte zu den ersten Wissenschaftlern weltweit gehört, die begonnen hatten, die Allgemeinen Relativitätstheorie Albert Einsteins auf theoretischem Gebiet ernst zu nehmen und weiter auszuarbeiten. Unter anderem wird nach ihm jener bedeutende "Schwarschild-Radius" benannt, der einen ersten Schritt darstellte zum Verständnis des astrophysikalischen Phänomens der Schwarzer Löcher.

Nach seinem allzu frühen Tod infolge seines Kriegseinsatzes ist Schwarzschild durchgängig von seinen Kollegen als "unersetzbar" erachtet worden. Es ist aufgrund seiner herausragenden Bedeutung daran gedacht worden, daß theoretische Physiker wie Albert Einstein oder Max von Laue seine Nachfolge als Leiter des Astronomischen Observatoriums in Potsdam antreten sollten. Niemand von ihnen verfügte jedoch zugleich über jene notwendige praktische Ausbildung und Berufserfahrung im Bereich der traditionellen Astronomie, wie sie Karl Schwarzschild zugleich mit einer Begabung für Theoretische Physik in einer Person verbunden hatte. Und auf Seiten der traditionell arbeitenden Astronomen gab es sonst niemanden, der astronomische Berufserfahrung in ähnlicher Weise wie Schwarzschild mit Begabung auf dem Gebiet der Theoretischen Physik verband. Deshalb entschied man sich im Jahr 1916 für den Astronomen Erwin Müller und 1921 für dessen engen Mitarbeiter, den Astronomen Hans Ludendorff, als Nachfolger, obwohl die theoretischen Physiker jedes mal gerne einen der ihren auf diesen Posten gebracht hätten. 

Hans Ludendorff hat nicht nur 1921 an Stelle von Albert Einstein die Leitung des Astronomischen Observatoriums Potsdam übernommen. 1923 hat er in ähnlicher Konstellation auch die Leitung jener wissenschaftlichen Expedition übernommen, zu der die mexikanische Regierung eigentlich Albert Einstein eingeladen hatte, für die Einstein selbst dann aber Hans Ludendorff als seinen Ersatz vorgeschlagen hat. Auf diese Expedition ging dann das lebenslange Interesse von Hans Ludendorff an den astronomischen Kenntnissen der Hochkultur der Maya zurück.

Schon in diesen wenigen Tatsachen deutet sich das enge persönliche und kollegiale Verhältnis an, das zwischen Hans Ludendorff und Albert Einstein zwischen 1914 und 1933 bestand. Hans Ludendorff atmete aber auch keineswegs auf, als Albert Einstein 1933 Deutschland verlassen mußte. Vielmehr bestellte er noch 1934 bei der Firma Zeiss in Jena Geräte zur empirischen Überprüfung der Einstein'schen Relativitätstheorie. Hans Ludendorff ließ sich also seine wissenschaftliche Tätigkeit nicht vom „Zeitgeist“ bestimmen.

Hans Ludendorff also gehörte zu jenem überschaubaren Kreis der Berliner Wissenschafts-Elite, die sich seit 1914 rund um Albert Einstein gruppiert hat. Dabei war er gerne bereit einzugestehen, daß er dabei der wissenschaftlich vermutlich noch am wenigsten innovative war. Das wurde von ihm selbst ebenso wie von seinen Kollegen so gesehen. Dennoch hat er die Entwicklung der theoretischen Physik in Deutschland in jenen Jahren, die zugleich die weltweit führende überhaupt war, aus einer persönlichen Nähe miterlebt und mitgestaltet, wie dies in jener Zeit nur wenigen wird vergönnt gewesen sein. Würde ein Hans Ludendorff über sein Leben Erinnerungen hinterlassen haben, müßten sie spannend zu lesen sein. Die vorliegende Abhandlung soll einen ersten Eindruck von den Inhalten solcher möglicher Erinnerungen geben.

Hans Ludendorff stand in mindestens alljährlichem persönlichen Zusammenwirken mit Albert Einstein, sei es, weil sie beide Kuratoren oder Mitglieder derselben wissenschaftlichen Stiftungen waren, die der empirischen Überprüfung der allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins dienten, sei es weil schließlich auch Hans Ludendorff in mindestens zwei wissenschaftlichen Aufsätzen mit der Auswertung der Daten zur Überprüfung der Allgemeinen Relativitätstheorie befaßt gewesen ist. Wobei zumindest der erstere der beiden Aufsätze Ludendorffs (von 1915) auch das Interesse von Albert Einstein weckte.

Angesichts all dieser Umstände ist es denn auch leicht zu verstehen, daß Hans Ludendorff keineswegs den Anti-Einstein-Propagandisten der sogenannten „Deutschen Physik“ auf den Leim gegangen ist. Er hat das Einfließen-Lassen außerwissenschaftlicher Motive - wie das des Antisemitismus und des völkischen Denkens - in die innerwissenschaftlichen Debatten - ganz wie auch seine Kollegen Max Planck, Arnold Sommerfeld oder Werner Heisenberg - abgelehnt, vermutlich sogar ähnlich angeekelt wie Werner Heisenberg3.

Zu sagen ist allerdings auch, daß für Hans Ludendorff seine Tätigkeit als Leiter des Observatoriums in Potsdam bis 1933 überschattet war von einem tiefgehenden, dauernden, und offenbar mehr im Persönlichen als im Sachlichen wurzelnden „Kleinkrieg“ seiner selbst mit jenem ihm unterstellten Astrophysiker Erwin Freundlich (1885-1965) (Wiki), dem Leiter des Einstein-Instituts im Einstein-Turm auf dem Potsdamer Telegrafenberg, der als persönlichster Schüler und Assistent Einsteins in diese Position gelangt war, der als der treueste und eifrigste damalige deutsche „Gefolgsmann“ Albert Einsteins auf dem Gebiet der astronomischen Wissenschaft galt. 

Die Wissenschaftshistoriker weisen aber darauf hin, daß Hans Ludendorff bei weitem nicht der einzige gewesen ist, der in schwere persönliche Auseinandersetzungen mit diesem wohl sehr eigenwilligen Erwin Freundlich geraten ist, daß Albert Einstein selbst sehr früh den Kontakt zu Freundlich ganz abgebrochen hat, weshalb sich die Wissenschaftshistoriker heute auch keineswegs mehr sicher sind, ob die persönliche Gegnerschaft von Hans Ludendorff gegenüber Erwin Freundlich wirklich verbunden gewesen sein könnte mit einer vornehmlich im außerwissenschaftlichen Bereich wurzelnden Skepsis oder Ablehnung der Relativitätstheorie überhaupt. 

Letzteres ist mitunter in der Literatur vermutet worden, womöglich aber auch nur aus der Tatsache abgeleitet worden, daß Hans Ludendorff eben der Bruder von Erich Ludendorff war, von dem man sich offenbar leicht vorstellen konnte, daß ihm die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Beweggründen schwer fallen könne (was, soweit übersehbar, ebenfalls nicht der Fall war).

Abb.: Albert Einstein und Hans Ludendorff auf dem Astronomentag auf dem Telegrafenberg in Potsdam, August 1921

Es gibt jedoch bis auf weiteres keinen Hinweis, daß sich Erich und Mathilde Ludendorff jemals zu Lebzeiten von Hans Ludendorff über die moderne theoretische Physik, über sein Verhältnis zu Albert Einstein oder auch über seinen „Kleinkrieg“ mit Erwin Freundlich ausführlicher hätten unterrichten lassen. Mathilde Ludendorff sagte selbst, daß sie bis Anfang der 1940er Jahre nie Zeit gefunden hätte, sich mit solchen wissenschaftlichen Themen gründlicher zu befassen. 

Und noch ihre im Spätherbst 1940 verfaßte und Anfang 1941 erschienene Schrift „Ein Blick in die Naturwissenschaft unserer Tage“ erweckt den Eindruck, als ob sie es auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Absicht hatte, das künftig in umfangreicherer Weise zu tun. Erst nach Verfassen dieser Schrift - also irgendwann im Winter 1940/41 - scheint sich das Interesse Mathilde Ludendorffs diesem Thema so grundlegend zugewandt zu haben, daß daraus - innerhalb weniger Monate - das Buch „Siegeszug der Physik“ hervorging.

Und da Hans Ludendorff in dieser Zeit schon schwer erkrankt war, wird auch ein gewisses Bedauern in den zitierten Worten ihrer Widmung darüber mitschwingen, daß sie sich aufgrund des Todes von Hans Ludendorff nicht mehr mit ihm über die Inhalte ihres Buches hat unterhalten und austauschen können.

Wenn allerdings Arnold Sommerfeld (1868-1951) schon kurz nach Erscheinen des Buches „Siegeszug der Physik“ sich mit einem anerkennenden Brief an Mathilde Ludendorff wandte, wie diese berichtete, so könnte dies auch daran liegen, daß ihr Verfassername an den allen Physikern bekannten des gerade erst verstorbenen Hans Ludendorff erinnerte und allein schon aufgrund dieses Umstandes Interesse und Vertrauen bei einem Menschen wie Arnold Sommerfeld geweckt haben könnte. Soweit zunächst eine Zusammenfassung der folgenden Ausführungen. Nun sei mehr auf die Details eingegangen.

Zunächst einiges zum familiären Leben von Hans Ludendorff. Geboren wurde er in Thunow auf einem Gutshof, zwölf Kilometer südwestlich von Köslin in Pommern. Er war später mit Käthe Ludendorff, geb. Schallehn, verheiratet (geb. 1881). Sie scheinen drei Kinder gehabt zu haben:

  • Am 6. Juli 1908 wurde ihr Sohn Hans-Joachim Ludendorff (1908-2006) geboren (Geni), der bis 2006 lebte, der nach 1945 den Biographen von Erich Ludendorff manche Auskünfte gegeben hat und der auch selbst Lebenserinnerungen hinterlassen hat, die womöglich noch einmal eingesehen und ausgewertet werden sollten, auch zum Leben seines Vaters Hans Ludendorff.
  • Eine Tochter von Hans Ludendorff hieß Margarethe (womöglich benannt nach der ersten Ehefrau von Erich Ludendorff, die ja auch Margarethe hieß, und die dieser 1908 heiratete?) Sie trug auch den Spitznamen Deti. Sie heiratete später den Reichswehroffizier Artur von Casimir (1908-2005) (Wiki), der 1939 und 1940 Oberst und Bomberpilot war, aber schon am 30. Mai 1940 durch Abschuß in englische Kriegsgefangenschaft geriet. Aus dieser wurde er erst 1948 entlassen. 1955 trat er in die Bundeswehr ein, in der er bis 1966 Dienst tat, zum Schluß als Militärattache in Ankara (Dldjl). (Das Wissen um diesen Schwiegersohn wird weiter unten noch eine bislang ungeklärte Briefstelle klären können, siehe ganz unten.)
  • Ein weiterer Sohn scheint Erich geheißen zu haben.

1911/15 - Die Allgemeine Relativitätstheorie und ihre empirische Überprüfung

Albert Einstein veröffentlichte 1905 als unbekannter Schweizer Beamter die Spezielle Relativitätstheorie und wurde von Max Planck entdeckt, der sich zusammen mit Arnold Sommerfeld außerordentlich begeistert über sie äußerte. Beide stuften sie sehr bald als eine „Kopernikanische Tat“ ein. Geradezu noch mit einer größeren Begeisterung als man sie aus Einsteins Mund selbst je gehört hätte (vgl. etwa die Einstein-Biographie von Armin Hermann). Nachdem gerade in den Kreisen der deutschsprachigen Wissenschaft die Bedeutung von Einstein erkannt worden war, erhielt Einstein zunächst einen Ruf an die Universität Zürich, dann an die Universität Prag und schließlich an die Universität Berlin. Seit 1907 arbeitete er an der Allgemeinen Relativitätstheorie und tauschte sich darüber mit Kollegen und Studenten aus, darunter mit Karl Schwarzschild in Potsdam und mit Erwin Freundlich, die sich beide auch früh Gedanken zur empirischen Überprüfung der allgemeinen Relativitätstheorie machten. In einer Untersuchung von 1994 heißt es einleitend4:

Zeitgenössische Physiker standen Einsteins Spezieller und Allgemeiner Relativitätstheorie äußerst skeptisch gegenüber. Noch bevor die allgemeine Relativitätstheorie durch Messung (Periheldrehung von Planeten, Ablenkung von Lichtstrahlen) bestätigt war, griffen Mathematiker die Erkenntnisse begeistert auf. Im folgenden wird gezeigt, warum Mathematiker den Ideen eher zu folgen vermochten.

Über die Allgemeine Relativitätstheorie heißt es auf Wikipedia5:

Zur Zeit ihrer Einführung im Jahre 1915, hatte die Allgemeine Relativitätstheorie keine solide empirische Grundlage. Sie war ursprünglich vielmehr aus philosophischen Gründen sehr befriedigend, da sie das Äquivalenzprinzip erfüllte und das Newtonsche Gravitationsgesetz und die spezielle Relativitätstheorie als Grenzfälle beinhaltete. In experimenteller Hinsicht war lediglich bekannt, daß sie die „anomale“ Perihelbewegung des Merkur erklären kann, und 1919 wurde nachgewiesen, daß Licht im Gravitationsfeld entsprechend der Allgemeinen Relativitätstheorie abgelenkt wird.

Die Schwierigkeiten der empirischen Überprüfung der Allgemeinen Relativitätstheorie wurden zu Anfang von allen damit befaßten Physikern unterschätzt, auch von Einstein selbst. Wikipedia berichtet, wie lange die Wissenschaft damit befaßt war:

Es dauerte allerdings bis 1959, daß es möglich war, die Voraussagen der Allgemeinen Relativitätstheorie im Bereich schwacher Gravitationsfelder zu testen, wodurch mögliche Abweichungen von der Theorie genau bestimmt werden konnten. Erst ab 1974 konnten mit dem Studium von Binärpulsaren sehr viel stärkere Gravitationsfelder erforscht werden, als es sie im Sonnensystem gibt. Schließlich erfolgte die Untersuchung von starken Gravitationsfeldern auch im Zusammenhang mit Schwarzen Löchern und Quasaren. Beobachtungen sind hier naturgemäß sehr schwierig, trotzdem stimmen die Ergebnisse mit den Voraussagen der Allgemeinen Relativitätstheorie bislang überein.

Doch behalten wir uns für das folgende im Hinterkopf: So weit war man 1915 noch keineswegs. Und für die weitere Lebenszeit von Hans Ludendorff ist eigentlich nur sehr viel zu berichten über Versuche der empirischen Überprüfung der allgemeinen Relativitätstheorie und über den Umstand, daß diese zu seinen Lebzeiten alle unbefriedigend geblieben sind. Darauf hat dann auch Hans Ludendorff in zwei gründlichen Arbeiten hingewiesen, jedoch noch 1934 die weitere empirische Überprüfung gefördert.

1914 - Leitung der abgebrochenen Rußland-Expedition

1914 leitete Hans Ludendorff eine wissenschaftliche Expedition, die nach Rußland führte (Grundmann, S. 132):

1914 wurden drei deutsche Expeditionen zur Beobachtung der Sonnenfinsternis nach Rußland geschickt, und zwar von den Sternwarten Berlin, Potsdam und Hamburg. (…) Die offizielle Expedition der Akademie stand unter der Leitung des Astronomen Ludendorff. (…) Da mittlerweile der 1. Weltkrieg ausgebrochen war, konnten die deutschen Expeditionen die Sonnenfinsternis am 21. August 1914 nicht beobachten.

Auf Umwegen und unter zum Teil großen Schwierigkeiten konnten die deutschen Wissenschaftler nach dem Beginn des Krieges nach Deutschland zurückkehren.

1915 hatte Hans Ludendorff am Astrophysikalischen Observatorium eine Auseinandersetzung mit dem engen Mitarbeiter von Karl Schwarzschild, dem dänischen Astrophysiker Ejnar Hertzsprung (1873-1967) (Wiki). Hertzsprung wollte als Däne, obwohl er die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hatte, eine Einberufung zum Wehrdienst entgehen, wozu ihm Karl Schwarzschild mehrmals half (B. Herrmann, GB2019): 

Die strikt neutrale Haltung von Hertzsprung führte zu scharfen Kontroversen mit (...) Hans Ludendorff, worüber Hertzsprung gegenüber Schwarzschild brieflich sein Herz ausschüttete. Auch Ludendorff wurde einberufen und stichelte gegen Hertzsprung, er wolle sich nicht durch eine Unabkömmlichkeitserklärung drücken, was zu einer heftigen Diskussion zwischen beiden führte. In seinem Brief an Schwarzschild machte Hertzsprung noch einmal seine Haltung klar: "Die kriegerisch-nationalen Fragen sind mir ebenso fremd wie etwa die Unfehlbarkeit des Papstes es mir bei einer Anstellung an der vatikanischen Sternwarte sein würde. Ich habe in diesen Beziehungen nur des freien Denkers Aversion gegen jede Unterdrückung, von welcher Seite auch." Schwarzschilds Ehefrau, Else Schwarzschild (1879-1950), hat sich in dieser Zeit oft und mitunter auch erfolgreich bemüht, die Konflikte zwischen Ludendorff und Hertzsprung einzudämmen. 

Hertzsprung wollte nach dem Tod Schwarzschilds nicht mehr in Potsdam bleiben und ging nach Leiden in den Niederlanden und kehrte am Ende seines Lebens nach Dänemark zurück.

1915/16 - Einstein: „Sehr interessant war mir der Ludendorff'sche Aufsatz“

Der schon erwähnte Astrophysiker Erwin Freundlich (1885-1964)6 hat sich schon sehr früh bemüht, empirische Daten aus dem Bereich der Astronomie zur Bestätigung der Allgemeinen Relativitätstheorie zusammenzutragen. In der langjährigen Zusammenarbeit mit Einstein bildete er Einsteins wichtigste, aber zugleich auch „schwierige“ Verbindung zu den Astronomen.

In einer tabellarischen Übersicht zu den wissenschaftlichen Unternehmungen Freundlichs bis 1933 heißt es über seine Versuche zum Nachweis der sogenannten „Gravitations-Rotverschiebung (GRV)“ (Hentschel, S. 37):

1915ff.: Statistische Untersuchungen zur GRV bei Fixsternen in Abhängigkeit von ihrer Spektralklasse; beobachtete Rotverschiebungen werden mit geschätzten mittleren Massen und Radien der Fixsterne korreliert. These: GRV vorhanden. Aber: v. Seeliger und Ludendorff weisen Freundlich noch im gleichen Jahr sachliche Fehler und „wishful thinking“ nach. (…) Wiederaufnahme dieser Untersuchungen: 1919, 1922, 1924, 1928, 1930.

Der hier genannte Artikel von Hans Ludendorffs erschien 1915 in den „Astronomischen Nachrichten“7. Albert Einstein konnte ihm viel abgewinnen. Am 13. Februar 1916 schrieb Einstein an Struve (Hentschel, S. 47):

Ich danke Ihnen bestens für die Nummer der Astronomischen Nachrichten (…). Der Seeliger'sche Artikel zeigte mir nichts Neues. Sehr interessant war mir der Ludendorff'sche, aus dem ich ersehe, wie unvollkommen das bisherige Beobachtungsmaterial noch ist. Das Erfreuliche aber ist, daß man den Eindruck gewinnt, daß sich nach und nach Material wird gewinnen lassen, welches eine sichere Entscheidung zulassen wird.
An den Artikel von Ludendorff läßt sich die Frage knüpfen:
Sind schwächere Sterne desselben Spektraltypus durchschnittlich auch von kleinerer Masse? Dies wäre bei Doppelsternen beantwortbar, bei denen man die Größe der Masse mitteln kann. Ergäbe sich eine bedeutende Abhängigkeit, so könnte die Ludendorff'sche Betrachtungsweise in der Zukunft (sich) als sehr wertvoll erweisen. Solange der mittlere Fehler die ermittelte Rotverschiebung übersteigt (…), ist das Resultat ganz unsicher (…).
Jedenfalls sehe ich, daß Freundlichs Ergebnis keineswegs gesichert ist (nicht einmal qualitativ). Dagegen muß man Freundlich zugute halten, daß er zuerst auf einen gangbaren Weg zur Prüfung der Frage aufmerksam gemacht hat.

Nachdem der berühmte US-amerikanische Astronom Edwin Hubble (1889-1953) Mitte der 1920er Jahre mit Hilfe der Rotverschiebung der Nachbargalaxien nachwies, daß wir nicht in einem statischen, sondern expandierenden Universum leben, wurde erkannt, daß der Nachweis einer zusätzlichen Gravitations-Rotverschiebung noch bedeutend schwieriger ist, als es bis dahin angenommen worden war (Hentschel, S. 50). Noch heute heißt es über experimentelle Bestätigungen der Allgemeinen Relativitätstheorie auf Wikipedia sehr zurückhaltend8:

Im Folgenden werden einige physikalische Phänomene erklärt, deren genaue experimentelle Überprüfung bisher die Allgemeine Relativitätstheorie gut bestätigt und den Spielraum für Alternativtheorien sehr verkleinert hat.

1916 war der schon genannte Leiter des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam Karl Schwarzschild (1873-1916)9, gestorben. 

1916 - Karl Schwarzschild stirbt

Schwarzschild hatte zwar eine solide astronomische Ausbildung genossen, galt aber als Theoretischer Physiker und damit als Idealbesetzung für diesen Posten. Er hatte eng mit Albert Einstein zusammen gearbeitet und einerseits die Relativitätstheorie selbst weiterentwickelt. Zum anderen entwickelte er jenes Programm zu ihrer empirischen Überprüfung mit Hilfe von astronomischer Daten und Sachverhalte, das dann ein jüngerer Mitarbeiter Einsteins, Erwin Freundlich, weiterverfolgen sollte.

Die beiden Nachfolger Schwarzschild's in Potsdam - die Astronomen Gustav Müller (bis 1921) und Hans Ludendorff (ab 1921) - sollten keine so große wissenschaftliche Bedeutung haben wie sie Karl Schwarzschild von Seiten der Wissenschaftsgeschichte zugeschrieben wird. Beide aber standen der Relativitätstheorie Einsteins und seiner Person wohlwollend gegenüber. Sie befaßten sich mit der empirischen Überprüfung dieser Theorie durch die Astronomie und förderten diesselbe.

In seinem Nachruf auf Karl Schwarzschild schrieb Hans Ludendorff, daß Schwarzschild einen Charme besessen hätte, dem sich niemand hätte entziehen können (Schwarzschild, Gesammelte Werke, S. 24):

Alle Nachrufe betonten die thematische Breite, die die wissenschaftlichen Arbeit von Karl Schwarzschild aufgewiesen hatte. Sommerfeld sprach von dem Glücksfall, daß hier Fähigkeiten im Bereich der Astronomie, Astrophysik und Physik in einem einzigen Menschen vereinigt gewesen waren. (...) Es wurde regelmäßig erwähnt, daß er nicht gut mit Menschen umgehen konnte, die ihm gegenüber zu viel Respekt zeigten. Alles in allem hatte er, wie Ludendorff sagte, einen Charme, dem sich niemand entziehen konnte.
All the obituaries stressed the breadth of Schwarzschild's scientific work. Sommerfeld spoke of the stroke of good fortune that combined skill in astronomy, astrophysics and physics in one individual. (…) His saying that he could not get on with people who held him in too great a respect, was frequently mentioned. All in all, as Ludendorff said, he had a charm that no one could escape.

1918 - Hochzeit der Tochter Erich Ludendorffs

Am 3. Januar 1918 heiratete die Stieftochter Erich Ludendorffs. Aus diesem Anlaß wurde in den Zeitungen eine Fotografie veröffentlicht, auf dem auch die Ehefrau von Hans Ludendorff einmal zu sehen ist.

Abb. 2: "Hochzeit im Hause Ludendorff am 3. Januar" 1918

Auf der Fotografie steht sie direkt hinter der Braut. Sie wurde bezeichnet als:

Stehend: (...) Fr. Prof. Ludendorff.

Ihr Ehemann hatte an der Hochzeit offenbar nicht teilnehmen können.

1918 - Erich Ludendorff in Potsdam

Um den 9. November 1918 herum lebte Erich Ludendorff für einige Tage in Potsdam bei seinem Bruder Hans. Denn es bestand die Sorge, daß die Anwesenheit seiner Person für seine unmittelbare Umgebung in Berlin eine Gefahr darstellte. Erich Ludendorff ging deshalb für einige Monate nach Schweden.

1919 - Alle Welt redet von Einstein

Wir lesen über die Folgezeit (24):

Am 6. November 1919 gaben britische Astronomen, geführt von Arthur Eddington (...) und Frank Dyson (...) bekannt, daß ihre Beobachtungen der Sonnenfinsternis am 29. Mai auf Principe, einer Insel vor der Westküste Afrikas, sowie in Sobral, einer Stadt im nordöstlichen Brasilien eine Schlüsselvoraussage von Albert Einsteins umstrittener Relativitätstheorie bestätigt hatten. Einstein wurde mit einem Schlag auf beiden Seiten des Atlantik berühmt.
On 6 November 1919, British astronomers - led by Arthur Eddington, the Plumian Professor of Astronomy at the University of  Cambridge, and Frank Dyson, the Astronomer Royal - announced  that their observations of a solar eclipse on 29 May from Principe, an island off the coast of west Africa, and Sobral, a city in northeastern Brazil, had confirmed a key prediction of Albert Einstein’s  controversial theory of relativity. Suddenly, Einstein became famous on both sides of the Atlantic.

1920 - Gründung des Einstein-Instituts und Bau des Einstein-Turms

Nachdem die Astronomen in England mit der Überprüfung von Einsteins Relativitätstheorie schneller vorangekommen waren und Ende November 1919 "spektakuläre" Ergebnisse veröffentlicht hatten, wurde in Deutschland zu einer "Einstein-Spende" aufgerufen, für die eine "Einstein-Stiftung" gegründet wurde, der der Einstein-Schüler und Astronom Erwin Freundlich vorstand. Mit dem von dieser Stiftung gesammelten Geld und den Sachspenden (von Zeiss in Jena etwa) wurde der Bau des "Einstein-Turmes" auf dem Gelände des "Astrophysikalischen Observatoriums" in Potsdam finanziert. Planungen zu diesem Turm machte der mit Erwin Freundlich befreundete junge Architekt Erich Mendelsohn schon seit 1917. Er sollte durch dieses Erstlingswerk zum "Stararchitekten" seiner Zeit werden.

Als Erich Mendelsohn allerdings Einstein eine Veröffentlichung aus dem Jahr 1941 übersandte, in der Parallelen aufgezeigt werden sollten zwischen solcher Architektur wie sie durch den Einstein-Turm repräsentiert wurde einerseits und der Relativitätstheorie andererseits, antwortete Einstein dazu nur (zit. n. Hentschel, S. 87):

Es ist einfach Klug-Scheißerei ohne jede vernünftige Basis!

Was Einstein über den Turm selbst und seine Architektur gedacht hat, scheint nicht zuverlässig überliefert zu sein. Bei der ersten Besichtigung zusammen mit dem Architekten soll er sich lange ausgeschwiegen haben und dann irgendwann wie nebenbei das Wort "organisch" gemurmelt haben. Aber niemand hat nachher sagen können oder wollen, ob diese Kennzeichnung in anerkennendem oder absprechendem Sinne ausgesprochen worden war.

Abb.: Der futuristisch anmutende Einstein-Turm in Potsdam (Postkart)

Womöglich stand Einstein ebenso ratlos vor dieser bis heute befremdlich wirkenden Architektur, wie man noch heute davor stehen kann. Was im übrigen Hans Ludendorff von der Architektur dieses Einstein-Turmes gedacht hat, der ihm da auf dem Potsdamer Telegrafenberg vor die Nase gesetzt worden war, ist einstweilen nicht bekannt. 

Als die Beschlüsse zum Bau dieses Turmes waren schon gefallen, als er selbst noch nicht Leiter des Observatoriums war.

1921 - Ludendorff wird Leiter des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam

Sein Vorgänger Gustav Müller wurde 1921 pensioniert. Die theoretischen Physiker um Albert Einstein versuchten nun erneut, einen der ihren - wie Max von Laue - als seinen Nachfolger einzusetzen. Doch Müller vertrat die Ansicht10 (einstweilen nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitierbar):

… Direktors die höchsten Anforderungen stellt, würde bei Ludendorff in den besten Händen liegen. - Es könnte Bedenken erregen, dass ein Forscher wie v. Laue, welcher der Astronomie bisher ferner stand, zum Direktor des astrophysikalischen Observatoriums vorgeschlagen wird, zumal wir nach allgemeinem fachmännischen Urteil in Ludendorff wenn auch keine überragende Persönlichkeit, so doch einen tüchtigen Fachmann ...

Müller schlug also vor, seinen bisherigen (1979, Bd. 1, S. 56)

Mitarbeiter Hans Ludendorff als seinen Nachfolger zu benennen, von dem allerdings bekannt war, daß er zwar als tüchtiger Fachmann, aber nicht als überragende Persönlichkeit galt. Aber Müller vertrat die Ansicht, daß Ludendorff einen ordentlichen Dienstbetrieb im Astrophysikalischen Observatorium garantieren würde. Andere Astronomen ständen nicht zur Verfügung. - Darauf meldeten Einstein, Nernst und Planck einige Bedenken an und behielten sich vor ….

Am 17. Februar hielt Max Planck eigenhändig fest (1979, Bd. 2, S. 47):

Nr. 136 (104) Protokoll der 1. Sitzung der Kommission für die Besetzung der Direktorstelle des Astrophysikalischen Observatoriums vom 17. Febr. 1921: Die Kommission einigt sich, Hans Ludendorff als einzigen Kandidaten vorzuschlagen, Walther Nernst und Albert Einstein sollen jedoch noch andere Varianten ermitteln. egh. von Planck

In einer Stellungnahme schrieben die genannten Physiker (zit. n. Hentschel, S. 58f):

Die Entwicklung der modernen Astrophysik hat es mit sich gebracht, daß die Verbindung der Astronomie und der Physik immer enger geworden ist. Die Astronomen können an den theoretischen und experimentellen Untersuchungen von Männern wie Einstein, Eddington, Michelson u. a., die zu den bedeutendsten Erfolgen geführt haben, nicht stillschweigend vorübergehen, und andererseits haben die Physiker das allergrößte Interesse an den Fortschritten der Astronomie. Nur durch intimes Zusammenarbeiten der besten Kräfte auf beiden Gebieten ist etwas Vollkommenes zu erwarten.

Der Wissenschaftshistoriker Hentschel schreibt dazu weiter (S. 61):

Der anvisierte Kompromiß, Ludendorff als geschäftsführenden Direktor einzusetzen und ihm v. Laue als ranggleichen zweiten Direktor an die Seite zu setzen, wurde nun aber vom Preußischen Kultusministerium abgelehnt. Letztendlich wurde Ludendorff als Direktor eingesetzt, der regelmäßig einem neu eingesetzten Kuratorium Bericht zu erstatten hatte, in das sein Amtsvorgänger Müller ebenso wie v. Laue, Einstein und Planck als theoretische Physiker gewählt wurden. Die Aufgabe dieses Kuratoriums sollte (…) insbesondere die Beratung der Astronomen in physikalischen Fragen sein.

Damit waren die personalen Konstellationen festgelegt, in denen sich Hans Ludendorff über die nächsten zehn Jahre hinweg bewegen sollte.

1921 - Ludendorff lobt Einstein-Mitarbeiter

Es scheint auch nicht so zu sein, als ob Hans Ludendorff von vornherein in persönliche Gegnerschaft zu seinem Mitarbeiter Erwin Freundlich geraten wäre. In einem Brief vom 27. Mai 1921 an das Kultusministerium lobte Ludendorff vielmehr die Bemühungen seines Untergebenen Freundlich. Leider einstweilen nur in englischer Übersetzung zitierbar (Einstein-Dossiers, S. 83):

Während des vergangenen Jahres wandte Dr. Freundlich viel persönliche Mühe auf, um die Einstein-Stiftung zu betreiben und den Einstein-Turm zu erbauen (...) in Konferenzen in Berlin (...), bei Zeiss in Jena (...). Im kommenden Monat ist eine weitere Reise nach England notwendig, da Dr. Freundlich von den Universitäten von Manchester und Oxford eingeladen worden ist, Professor Einstein auf seinem Besuch zu begleiten, um ihm die mit seiner Beherrschung der englischen Sprache und Expertise in den neuen theoretischen Diskussionen über die Relatvitätstheorie mit den englischen Physikern behilflich zu sein.
During the elapsed year Dr. Freundlich expended much personal effort toward organizing the Einstein Donation Fund and managing the construction of the tower telescope. Since all the negotiations with the sponsors and the firms involved in the construction were in his hands, he was often compelled to take part in conferences in Berlin that took up the whole day. Because the design of the telescope is being carried out by the Zeiss Company in Jena according to his specifications, frequent trips there are necessary. (…) In the coming month an additional trip to England is necessary, since Dr. Freundlich has been invited by the Universities of Manchester and Oxford to accompany Professor Einstein on his visit, in order to facilitate with his command of the English language and expertise in the new theory discussions about relativity theory with the English physicists.

Auch hier wird wieder deutlich, daß sich Hans Ludendorff zusammen mit Mitarbeitern sehr nah im nächsten Umfeld der damaligen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen rund um die Relativitätstheorie bewegte.

1921 - Ludendorff und Einstein auf dem Astronomen-Tag in Potsdam

Daß das kollegiale Verhältnis zwischen Albert Einstein und Hans Ludendorff durch die Wahl des Letzteren zum Leiter des Astronomischen Observatoriums in Potsdam nur noch enger wurde, wurde auch der Öffentlichkeit sichtbar gemacht. So brachte die „Berliner Illustrierte Zeitung“ am 4. September 1921 ein Foto (Einstein-Akte, S. 146):

Prof. Einstein und Prof. Dr. Ludendorff beim Astronomentag in Potsdam.

Das Foto war auf der Jahrestagung der Astronomischen Gesellschaft in Potsdam vom 24. bis 27. August 1921 entstanden. Es zeigt Einstein und Ludendorff im Gespräch nebeneinander einherschreitend. Dabei ist das Gesicht von Ludendorff nicht besonders gut zu erkennen, da er von der Sonne geblendet ist. Im Abstand zu ihnen gruppieren sich andere Menschen, vielleicht Ehefrauen. Das Foto scheint während einer Tagungs-Pause entstanden zu sein.

1922 - Ludendorff Kuratoriumsmitglied der Einstein-Stiftung

Über die weitere Entwicklung erfahren wir (Grundmann, S. 142):

Am 4. Januar 1922 wurde die Satzung der Einstein-Stiftung beschlossen. (…) § 2 nennt die Mitglieder des Kuratoriums.

Und zwar Einstein, Freundlich, Ludendorff, sowie drei weitere Personen, insbesondere auch aus der Industrie:

Im Sommer 1931 bestand das Kuratorium der Einstein-Spende aus den Herren: Einstein, v. Laue, Nernst, Schrödinger, Paschen, Franck

fünf weiteren Personen und

Ludendorff. § 3 Der Satzung bestimmte das Astrophysikalische Observatorium Potsdam zum Sitz der Stiftung.

Ludendorff hatte also die ganze Zeit über auch mit diesem Einstein-Institut im Einstein-Turm und seinem Leiter Erwin Freundlich zu tun.

1922 - Ludendorff und die Anti-Einstein-Agitation

Der anrüchtige Paul Weyland (1888-1972) ist der eigentliche Begründer der sogenannten "Deutschen Physik" gewesen, von der sich Menschen wie Planck, Sommerfeld und Heisenberg angeekelt abwandten. Weyland hat auch in Hans Ludendorff keinen Fürsprecher gefunden. Es wird über Weyland berichtet (Einstein-Akte, S. 173):

1920 Organisator der Anti-Einstein-Kampagne. (…) Im Herbst 1921 Reise in die Vereinigten Staaten. 1922 Planung einer Reise nach Norwegen. Weyland erwartet vom Deutschen Konsulat in Hammerfest finanzielle Unterstützung seiner angeblich astronomischen Zwecken dienenden Reise. (…) Die Deutsche Botschaft in Kristiana gab den Vorgang an das Innenministerium weiter, das Prof. Ludendorff, Direktor des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam, um Auskunft bat. Ludendorff antwortete: Weyland hat die Vorträge in der Philharmonie organisiert, "deren Zweck es war, weitere Kreise gegen die Einsteinsche Relativitätstheorie zu verhetzen"; er schickte Weylands Bettelbrief zurück "mit dem Bemerken, daß ich vor einer Unterstützung des Herrn Weyland dringend warne".

1922 - Ludendorff soll als Stellvertreter Einsteins nach Mexiko reisen

Für den 10. September 1923 wurde eine Sonnenfinsternis in Mexiko erwartet, von deren Untersuchung man sich vieles für die Forschung erhoffte. Aus diesem Grund wurde Albert Einstein von der mexikanische Regierung zur Beobachtung derselben schon eineinhalb Jahre früher eingeladen. Einem Aktenvermerk des Kultusministeriums ist zu entnehmen (zit. n. Einsteins Akte, S. 143f):

Professor Einstein teilt uns mit, daß er der Einladung der Mexikanischen Regierung nicht Folge leisten kann, da er beabsichtigt, vorerst in Deutschland zu bleiben. Er bittet der Mexikanischen Regierung seinen Dank zu sagen, und würde es sehr begrüßen, wenn die geplante Expedition doch zu Stande käme. Als Führer schlägt er Professor Ludendorff vor.
Daß Einstein Hans Ludendorff und nicht seinen vormaligen Assistenten Erwin Freundlich als seinen Ersatz vorschlägt, wird von den Wissenschaftshistorikern besonders vermerkt (Siegfried Grundmann/Einsteins Akte, S. 143):
Als Einstein, dazu von der Mexikanischen Regierung eingeladen, 1923 nicht zur Beobachtung der Sonnenfinsternis nach Mexiko kommen kann, schlägt er vor, daß Ludendorff an seiner Stelle reist (Freundlich wird nicht erwähnt).

Am 25. Mai 1922 meldete dann „The Review of Popular Astronomy“:

Potsdam, 25. Mai - Dr. Hans Ludendorff, Bruder des berühmten Generals, wird eine Expedition deutscher Wissenschaftler nach Mexiko anführen, um die totale Sonnenfinsternis am 10. September zu beobachten.
Alle Kosten vom Zeitpunkt, an dem die Astronomen ihre Häuser verlassen bis zu ihrer Rückkehr werden von der mexikanischen Regierung übernommen, auf deren Einladung hin diese Expedition unternommen wird. Eine der Hauptaufgaben des Besuches ist es, weitere Überprüfungen von Einsteins Relativitätstheorie vorzunehmen.
Potsdam, May 25. - Dr. Hans Ludendorff, brother of the famous general, will head an expedition of German scientists to Mexico this year to observe the total eclipse of the sun on Sept. 10.
All expenses from the time the astronomers leave their homes until they return will be borne by the Mexican Government, at whose request the expedition is to be undertaken. One of the chief objects of the visit is to make a further test of the Einstein relativity theory.

Hier tritt also Hans Ludendorff sozusagen sogar als "Vertreter" von Albert Einstein auf, der mit der empirischen Überprüfung der Einstein'schen Theorie befaßt ist.

April bis September 1923 - Ludendorff in Mexiko

Knapp ein Jahr später, am 27. April 1923, bringt die "Berliner Illustrierte Zeitung" auf ihrer Titelseite eine Fotografie von Hans Ludendorff und seinen Mitarbeitern - alle bekleidet mit breitkrämpigen mexikanischen Sonnehüten - beim Aufbau eines großen Fernrohres in Mexiko (Hentschel, S. 135). Die Sonnenfinsternis selbst fand dann am 10. September 1923 statt, genug Zeit, um zwischendurch die archäologischen Stätten der Maya zu besichtigen. Zu der immer noch im Raum wabernde Vermutung, daß Hans Ludendorff ein Gegner der Relativitätstheorie gewesen sein könnte, wird von der Wissenschaftsgeschichte in diesem Zusammenhang noch einmal eindeutig festgestellt (Einstein-Akte, S. 144):

Tatsächlich jedoch gehörte die Prüfung des "Einstein-Effekts" zum Programm der von Ludendorff geleiteten Sonnenfinsternisexpedition 1923 nach Mexiko.

Als der Hitler-Ludendorff-Putsch am 8. und 9. November 1923 in München stattfand, wird sich Hans Ludendorff entweder noch auf seiner Reise in Mexiko befunden haben oder gerade erst zurück gekommen sein. Wie er mit der Tatsache umgegangen ist, auf der einen Seite in Albert Einstein einen Kollegen zu haben, der sich politisch unter anderem als ausgesprochener Pazifist positionierte und mitunter sogar Sympathien mit der Sowjetunion erkennen ließ - und auf der anderen Seite einen Bruder, der mit seinen Zielen auf dem äußersten rechten Flügel des politischen Spektrums angesiedelt war, dazu ist einstweilen nichts bekannt.

Aber nach allem, was bislang erkennbar geworden ist, wird Hans Ludendorff auf ähnlicher politischer und weltanschaulicher Linie einzuordnen sein wie Max Planck, Arnold Sommerfeld oder Werner Heisenberg. Sie alle haben Albert Einstein gegenüber zu jeder Zeit persönliche und wissenschaftliche Sympathien und Hochachtung bewahrt, ohne deshalb auch gleich dessen politische Ansichten zu teilen.

1925 - Ludendorff reagiert brüsk auf den Namen Delbrück

Das im folgenden zu schildernde Erlebnis des jungen Max Delbrück (1906-1981) mit Hans Ludendorff ist wohl nur verstehbar vor dem Hintergrund der damaligen schweren menschlichen Spannungen zwischen Hans Ludendorff und Erwin Freundlich auf dem Telegrafenberg in Potsdam. Daß letzterer als Forschungsassistenten den jüngsten Sohn des Historikers Hans Delbrück (1848-1929) anstellte, der in den Jahren 1920 bis 1922 aufgrund seiner äußerst polemischen Stellungnahmen gegen Erich Ludendorff - insbesondere in der Schrift "Ludendorffs Selbstporträt" von 1922, eine Art Besprechung von "Meine Kriegserinnerungen" von Erich Ludendorff - ), dieser Umstand scheint bei Hans Ludendorff vor allem als ein erneuter, bewußter und sehr persönlicher, beabsichtigter Affront Erwin Freundlichs ihm gegenüber wahrgenommen worden zu sein. Und wer weiß, ob sich Erwin Freundlich nicht wirklich dabei "ins Fäustchen lacht".

Abb.: Der große Refraktor im Astrophysikalischen Observatorium Potsdam (Postkarte) - Das bis heute viertgrößte Linsenfernrohr der Welt. Es wurde aber schnell durch modernere Spiegel-Teleskope abgelöst.

Jedenfalls wird auch ein Hans Ludendorff - ohne die sonstige persönliche Gegnerschaft zu Erwin Freundlich - nicht einfach einen jungen Assistenten seines Institutes derart in "Sippenhaft" genommen haben für die Taten seines Vaters wie es aus diesen Erinnerungen von Max Delbrück herausklingt. Der nachmalige Nobelpreisträger Max Delbrück berichtete in Kalifornien an seinem Lebensabend (Ernst Peter Fischer, S. 31):

"Ich war Student an der Universität von Berlin und hatte daneben einen unbezahlten Job als Forschungsassistent an einem Teleskop übernommen, das der Einstein-Stiftung gehörte und auf dem Gelände des Potsdamer Observatoriums lag. Das Teleskop, das in einem Turm lag, war von Erwin Freundlich erdacht worden. Er war ein großer Enthusiast von Einstein und der Allgemeinen Relativitätstheorie. … Freundlich hatte auch Geld organisiert, um den Einstein-Turm mit dem Teleskop bauen zu können. … Am ersten Tag meines Jobs dachte Freundlich, es sei höflich, mich dem Direktor des Observatoriums vorzustellen, .... dies war damals Professor Hans Ludendorff", ein Bruder des Generals Erich Ludendorff (...).
Als Hans Ludendorff den Namen Delbrück hörte, zog er sofort seine Hand zurück und fragte, ob Max der Sohn des Historikers sei. Als Max dies bejahte, drehte sich Ludendorff auf dem Absatz um und verschwand hinter der zuknallenden Tür des Arbeitszimmers. Später beschuldigte er Freundlich, ihn absichtlich beleidigt zu haben, indem er den Sohn eines Mannes eingestellt habe, der seinen Bruder in einer Weise beleidigt hatte, die nicht mehr zu tolerieren sei. (…) Es dauerte mehrere Wochen, bis sich der Bruder des Generals im Observatorium beruhigte.

Sicherlich spiegelt sich in diesen Erinnerungen etwas von dem schweren Spannungsverhältnis wieder, das damals zwischen Hans Ludendorff und Erwin Freundlich bestand. Weiteres wird man aus ihm schwerlich ableiten können.

September 1925 - Einstein teilt Ludendorffs Urteil

Am 15. September 1925 schrieb Albert Einstein an Hans Ludendorff (zit. n. Einsteins Akte, S. 143; ebenso 1979, Teil 1, S. 196) (auch GB2018):

Verehrter Herr Kollege!

(...) Wir sind Ihnen allen sehr dankbar dafür, daß Sie uns in grosszügiger Weise die Lösung des Falles Delbrück so erleichtert haben. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß Sie keinem Unwürdigen das Opfer gebracht haben. Was Herrn Freundlich betrifft, so wissen Sie ja meine Meinung. Ich habe ja ebenfalls die persönlichen Beziehungen zu ihm abgebrochen und hätte dem von Ihnen verlesenen Sündenregister noch recht hübsche "Piecen" hinzufügen können. Er gehört zu den ganz wenigen, bei denen ich eine so schroffe Haltung für nötig erachte. Ich achte aber sein organisatorisches Verdienst und handle demgemäß, wie Sie es in anerkennenswertester Weise bei Gelegenheit seiner Ernennung auch getan haben. So dienen wir beide der Sache, wenn wir auch den Menschen und Wissenschaftler gering einschätzen. Er ist es nicht wert, daß man sich über ihn ärgert.

Freundlich grüßt Sie Ihr ergebener

A. Einstein

In den Fall Delbrück ist also auch Albert Einstein involviert gewesen. Ob es Hans Ludendorff immer gelungen ist, sich an diese Einstein'sche Devise zu halten, darüber scheinen Zweifel angebracht. Der Wissenschaftshistoriker schreibt (Einsteins Akte, S. 143):

Wenn das Verhalten von Erwin Freundlich erneut zum Gegenstand der Untersuchung gemacht wird, dann vor allem, um zu zeigen, daß Einsteins Werturteil begründet war und die folgenreiche persönliche Gegnerschaft von Hans Ludendorff und Freundlich nicht oder nicht in erster Linie aus Ludendorffs politischer Position erklärt werden kann. (…) Wie zu sehen war, hatte Einstein zu Ludendorff ein durchaus kollegiales Verhältnis, trotz gegensätzlicher politischer Positionen.

Im Grunde ist zu den politischen Positionen von Hans Ludendorff - abgesehen von seinen ganz persönlich motivierten Sympathien für seinen Bruder, die gleich noch gut erkennbar werden - einstweilen nur wenig bekannt geworden. 

Am 30. November 1925 schreibt Hans Ludendorff an Albert Einstein in Antwort auf einen Brief, der sich offenbar eingesetzt hatte dafür, daß ein Alfred Weber eine Stelle am Astrophysikalischen Observatorium erhalten. Ludendorff antwortet, andere hätten begründetere Ansprüche auf die Stelle und Weber wäre auch im Streit mit Personen, die er, Ludendorff, für feine Menschen hält.

1926 - Forschungsreise nach Bolivien

Im Jahr 1926 war Hans Ludendorff mit astronomiegeschichtlichen Forschungen in Bolivien beschäftigt (GB):

Als deutsche Wissenschaftler zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Puma Punku das Alter eines prähistorischen Observatorium auf 17.000 Jahren berechneten, war das Entsetzen groß. Deshalb schickte die Deutsche Astronomische Gesellschaft 1926 eine Expedition nach Puma Punku, um die Angaben zu überprüfen. Unter der Leitung des Maya-Experten Prof. Dr. Hans Ludendorff vom Astrophysikalischen Observatorium in Potsdam, sowie des Astronomen Dr. Rolf Müller kam die Gruppe nach zwei Jahren zu dem Ergebnis, die astronomische These stimmte im Prinzip, sie schätzten das Alter jedoch "nur" noch auf 11.000 bis 12.000 Jahre. Natürlich wurden auch diese Zahlen von der Fachwelt nicht akzeptiert und rundherum abgelehnt und die Teilnehmer der Expedition trotz ihrer anerkannten Reputation regelrecht angefeindet.  

Siehe dazu auch (GB). 

1926 - Die neue Schwägerin Mathilde Ludendorff

Im Herbst 1926 erhielt Hans Ludendorff in Potsdam Besuch von seinem Bruder Erich Ludendorff, der sich ein zweites mal verheiratet hatte. Mathilde Ludendorff berichtet von den damals üblichen Verwandtenbesuchen nach der Hochzeit (1967, S. 82f):

… Von hier aus suchten wir Professor Hans Ludendorff, den Leiter der Sternwarte in Potsdam, den jüngeren Bruder Erich Ludendorffs, auf. Auch hier war ein Fest gerichtet, und es herrschte freudige Stimmung. (...) Als ich den feinen durchgeistigten Kopf des Astronomen sah, der das gleiche edle und gewinnende Lächeln des Feldherrn zu eigen hatte, da war dennoch ein nahes, herzliches Band rasch geschlossen, und ich merkte es an jedem Wort und Blick, daß die starke Sympathie gegenseitig war. Wie hoffte ich damals auf ein nahes und reges geschwisterliches Zusammenhalten. Ein Bruder wurde mir also auf dieser Fahrt in Potsdam geschenkt, und es wurde ein neues Band zu Erich Ludendorffs Jugend geschlungen.

Womöglich gibt es noch weitere Ausführungen zu Hans Ludendorff in den Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff. Diese wären dann noch herauszusuchen.

1928 - Ludendorff beschwert sich bei Einstein

Zurück zu Ludendorffs Fehden und Kleinkriegen auf dem Telegrafenberg. Die Aufstellung des Etats der Einstein-Stiftung für das Haushaltsjahr 1929 erfolgte ohne Rücksprache mit Ludendorff. In einem Brief beschwerte sich dieser Ende Juni, Anfang Juli 1928 bei Einstein darüber (Einstein-Akte, S. 144),

daß "das unter Ihrem Vorsitz stehende Kuratorium der Einstein-Stiftung, dessen Mitglied ich bin, mit mir (nicht) Fühlung genommen hat", als der Etatsantrag des Kuratoriums verabschiedet wurde und empfindet dies als "große Unfreundlichkeit". "Schmerzlich ist es mir", schreibt Ludendorff weiter, "daß Sie zu dieser Unfreundlichkeit mir gegenüber die Hand geboten haben, und es erstaunt mich das umsomehr, als Sie doch vor nicht zu langer Zeit in einem mir noch vorliegenden Briefe meine volle Sachlichkeit anerkannt und gleichzeitig Ihre Meinung über Prof. Freundlich als Menschen und als Gelehrten in nicht mißzuverstehender Weise zum Ausdruck gebracht haben."
Der Wissenschaftshistoriker hält dann weiter fest:
Da war Einstein im Unrecht, nicht Ludendorff. Einstein mußte büßen für die eigene Nachlässigkeit in Leitungsfragen und für die mitverschuldeten Eigenmächtigkeiten von Erwin Freundlich. Ludendorff war im Vergleich zu Freundlich für Einstein zwar der "wesentlich ungeschicktere, aber doch … der weitaus anständigere von Beiden."

Am 2. Juli 1928 erstattte Hans Ludendorff über diesen Vorgang auch an das Kultusministerium Bericht. Er sandte ein Schreiben (1979, Bd. 2, S. 119)

an das Kultusministerium mit der Abschrift eines Briefes von Ludendorff an Albert Einstein über die ohne seine Mitwirkung erfolgte Aufstellung des Etats der Einstein-Stiftung für das Haushaltsjahr 1929.

1929 - Einsteins Verstehen für Ludendorffs Zornesausbruch

Im Januar 1929 gab es eine erneute Sitzung des Kuratoriums der Einstein-Stiftung, zu der Einstein Max von Laue einlud und hinzufügte (zit. n. Hentschel, S. 138):

Offiziös versichere ich Dir, daß Du auf Deine Kosten kommen wirst; denn es wird "hoch hergehen". Ich freue mich auch darauf. Der Mensch kann nicht nur von der Logik leben. Er braucht auch etwas für sein schwarzes Herz.
Hier wird bei Einstein auch allerhand Spott deutlich über Hans Ludendorff und über dessen Schwierigkeiten und Fehden mit Erwin Freundlich. Arnold Berliner, der Herausgeber der Zeitschrift "Die Naturwissenschaften", versuchte sich nach der Sitzung Einstein gegenüber für Erwin Freundlich zu verwenden (zit. n. Hentschel, S. 138):
Einstein antwortete dem Vermittelnden, der Ludendorffs cholerischen Wutausbruch auf einer Kuratoriumssitzung gegen Freundlich immerhin als "ungehörig" und "verletzend" bezeichnete und die Form dieser Angriffe auf Freundlich verurteilte: "Einerseits freue ich mich, daß Sie eine so kräftige moralische Ader haben. Andererseits tut es mir leid, daß Sie Ihre Gefühle an so wenig würdige Objekte verschwenden. Immerhin muß ich sagen, daß mir L[udendorff] zwar als der wesentlich ungeschicktere, aber doch als der weitaus anständigere von Beiden erscheint. Ich meinerseits halte es nicht für erspriesslich, mich irgendwie in diese Streiterei einzumischen, nehme aber Ihren Brief respektvoll zu demjenigen, was bei mir dem entspricht, was Sie Akten nennen."

Einstein also wollte sich in die Niederungen dieses "Gezänks" nicht einlassen.

1929 - Ludendorff im Interview

In einem Interview, das Hans Ludendorff (1928 oder) 1929 für eine Buchveröffentlichung zu einem psychologischen Thema gab, wird deutlich, daß er sich eher als ein Sammler und Ordner von Beobachtungsdaten sah, denn als ein Neuformulierer bedeutenderer wissenschaftlicher Weiterentwicklungen und Entdeckungen. Ganz offen spricht er zum Beispiel aus11:

Für Methodik habe ich wenig Interesse und betrachte das als einen Mangel meiner wissenschaftlichen Persönlichkeit. Wenn bei Lösung einer mir vorliegenden wissenschaftlichen Aufgabe methodisch Neues nötig ist, so betrachte ich die Entwicklung der Methode lediglich als eine nicht zu umgehende Notwendigkeit.

Vergnügen bereite ihm eher, so führte er weiter aus, die Diskussion von neu gesammeltem und geordnetem Tatsachenmaterial und das Finden bislang unbekannter Zusammenhänge zwischen ihnen.

1931 - Einstein vermittelt auf dem Telegrafenberg

Am 9. April 1931 fuhr Albert Einstein erneut als "Friedenstaube", wie er sich bezeichnete, nach Potsdam. Denn über Einsteins Tagebucheintrag vom 8. April 1931 wird berichtet (Eisinger, 6. Kapitel, S. 118): 

Im Tagebuch erinnerte er sich selbst, daß er am nächsten Tag ins Astronomische Observatorium nach Potsdam zu fahren habe, um die letzten Streitereien zwischen dem Direktor des Observatoriums, Hans Ludendorff, und dem Physiker Erwin freundlich abzumildern. Er würde dabei von Max von Laue und Erwin Schrödinger begleitet werden. Einstein bezeichnete das Trio als die drei "Friedenstauben". Und ihre Mission wirft ein Licht auf Einsteins akademische Aktivitäten in Berlin.
In the diary, he reminded himself that the following day, he would travel to the astronomical observatory in Potsdam to help calm the latest squabble between the observatory's director, Hans Ludendorff, and the physicist Erwin Freundlich. He would be joined in this by Max von Laue und Erwin Schrödinger. Einstein referred to the trio as the three „peace doves“, and their mission throws light on Einstein's academic activities in Berlin.

Einstein scheint die Schwierigkeiten seines Kollegen Ludendorff eher auf die leichte Schulter genommen zu haben.

1931 - Ludendorff über die neuesten Versuche der empirischen Überprüfung der Allgemeinen Relativitätstheorie

1931 veröffentlichte Hans Ludendorff in den „Astronomischen Nachrichten“ seinen Artikel „Über die Ablenkung des Lichtes im Schwerefelde der Sonne“

In ihm geht es um die jüngste empirische Überprüfung der allgemeinen Relativitätstheorie Albert Einsteins durch Erwin Freundlich und Mitarbeiter während der totalen Sonnenfinsternis am 9. Mai 1929:

Für die Lichtablenkung am Rande der Sonne hat sich der Wert E = 2.24 ergeben, während auf Grund der allgemeinen Relativitätstheorie der Wert E = 1.75 erwartet werden müßte.

Ludendorff weist in diesem Artikel darauf hin, daß offenbar die erwartete empirische Bestätigung der Relativitätstheorie schwerer zu erreichen ist, als man bis dahin gedacht hatte.

1933 - Ludendorff fordert Hitler-Gruß

Albert Einstein gehörte dann zu den ersten, die nach der Regierungsübernahme von Adolf Hitler Deutschland verließen, und die hier alle vormaligen Ämter verloren. Wie Hans Ludendorff darüber gedacht hat, ist einstweilen nicht bekannt. Das Einstein-Institut auf dem Telegrafenberg wurde sehr bald umbenannt in „Institut für Sonnenphysik“. Erwin Freundlich behielt einstweilen noch die Leitung desselben.

Am 5. Oktober 1933 benutzte Hans Ludendorff aber die inzwischen eingeführte Pflicht aller Staatsbeamten zum Hitler-Gruß dazu, seinen langjährigen persönlichen Intimfeind Erwin Freundlich, der dieser Pflicht nicht nachkam, zu Fall zu bringen. Ludendorff konnte sich dabei natürlich leicht bewußt sein, daß sein Bruder Erich Ludendorff und seine Schwägerin Mathilde Ludendorff solchen „Tell-Hüten“ wie dem Hitler-Gruß und anderem Partei-Gebaren und -Popanz ganz und gar ablehnend gegenüber standen, und daß sie für dieses Vorgehen des Bruders und Schwagers, von dem sie Genaueres nicht erfahren haben werden, sicherlich kaum Verständnis gehabt haben werden.

Als etwa Mathilde Ludendorff, ihre Schwester und ihre Kinder beim Staatsakt für Erich Ludendorff an der Feldherrnhalle in München vor der gesamten Weltöffentlichkeit die Beileidswünsche Adolf Hitlers und der gesamten Parteiprominenz entgegennahmen, erhob niemand von Seiten der Familie den Arm zum Hitlergruß.

Aber auch bei diesem Vorgehen gegen Erwin Freundlich wird auf Seiten von Hans Ludendorff nicht eine politische Überzeugung das treibende Motiv gewesen sein, sondern lediglich seine sehr persönliche Feindschaft, die zumindest auf seiner Seite mit vielen persönliche Verletzungen einhergegangen sein könnte, denen gegenüber er sich zu rächen gesonnen war, wie er einem Kollegen gegenüber auch freimütig gestand.

1933 - Ludendorff wird Leiter des „Instituts für Sonnenphysik“

Ludendorff übernahm dann die Position von Erwin Freundlich12:

Am 10. November 1933 machte Vahlen Ludendorff die Mitteilung: "Im Verfolg des Erlasses vom 2. Mai 1933 (...) wird die Leitung und Verwaltung des Instituts für Sonnenphysik mit sofortiger Wirkung Ihnen als Direktor des Astrophysikalischen Observatoriums übertragen. (…) Ich ersuche, hiernach sogleich das Erforderliche zu veranlassen und den Hauptobservator Prof. Dr. Freundlich zu benachrichtigen." Das "Erforderliche" war, daß Freundlich, der gerade im Ausland weilte und der sich zudem schriftlich dagegen gewehrt hatte, am Institut zum deutschen Gruß verpflichtet zu werden, die Bezüge gestrichen wurden. Er wurde aufgrund des Arierparagraphen vorzeitig "in den Ruhestand versetzt", doch auch ein Ruhegeld wurde nicht gezahlt. Daß seine Emigration zunächst nur ein Ruf nach Istanbul war, um eine Sternwarte aufzubauen, und er sich eine ...

Freundlich fiel aufgrund einer jüdischen Großmutter väterlicherseits unter den § 3 des "Berufsbeamtengesetzes", den erwähnten sogenannten "Arierparagraphen". Er erhielt eine Anstellung in Istanbul, um dort eine Sternwarte aufzubauen. Wir hören außerdem (GB):

Eine Anweisung des Direktors des Astrophysikalischen Observatoriums Hans Ludendorff, die im Eingangsbereich aufgestellte Einstein-Büste des dänischen Bildhauers Harald Isenstein aus dem Jahre 1926 umgehend zu entfernen, wurde zwar erfüllt und die Büste in den Institutskeller verbracht, wo sie das Dritte Reich unbeschadet überdauert hat, doch legte man auf den leeren Sockel symbolhaft einen Stein.

Gemeint: "Ein Stein".

1934 - Ludendorff weiterhin mit der empirischen Überprüfung der Allgemeinen Relativitätstheorie befaßt

Über die Vermutung, daß Ludendorff ein Gegner der Relativitätstheorie gewesen sei, heißt es in einer neueren Veröffentlichung (Einstein-Akte, S. 144):

Im Februar 1934, nach dem Machtantritt der Faschisten und nach dem Ausscheiden Freundlichs, wurden vom Astrophysikalischen Observatorium - dem jetzt das Institut für Sonnenphysik angeschlossen war - bei der Firma Zeiss in Jena Apparaturen zur Weiterführung der „bisherigen Untersuchungen über die Lichtablenkung im Gravitationsfeld der Sonne bei Sonnenfinsternissen“ bestellt. „Vom Einstein-Effekt“ war dann zwar nicht mehr die Rede, am Thema aber hatte sich nichts geändert. 1934 hatte sich nicht Ludendorff, sondern Freundlich von der Theorie getrennt.

Mit letzterem Satz war gemeint, daß Erwin Freundlich im Jahr 1934 nicht mehr an die Richtigkeit der Allgemeinen Relativitätstheorie glaubte, während Hans Ludendorff zur gleichen Zeit noch neue Geräte zu ihrer Überprüfung bestellte für das inzwischen zu „Institut für Sonnenphysik“ umbenannte „Einstein-Institut“.

Vorsitzender der "Astronomischen Gesellschaft"

Von 1932 bis 1939 war Hans Ludendorff der Vorsitzende der bis heute bestehenden, 1863 gegründeten "Astronomischen Gesellschaft" (Wiki). 1937 schrieb der schon genannte Hertzsprung an Hans Ludendorff als Vorsitzenden dieser Gesellschaft einen Brief, weil die Astronomische Gesellschaft selbstherrlich die Nomenklatur-Regeln bei der Benennung veränderlicher Sterne festlegen würde, ohne sich international abzustimmen (GB):

Während all den Jahren meiner Mitgliedschaft der A.G.-Kommission habe ich niemals eine Benennungsliste zur Gutheißung vorgelegt bekommen (...) und bin auch nicht um meine Meinung (...) gefragt (worden).

Hertzsprung stellte deshalb an die Gesellschaft den Antrag,

keine Benennungsliste herauszugeben, bis eine wahrlich internationale Lösung gefunden sei.

Arbeiten über die Astronomie der Maya

In dem letzten Lebensjahrzehnt von Hans Ludendorff nahmen astronomiegeschichtliche Untersuchungen, insbesondere seine Auseinandersetzung mit den astronomischen Kenntnissen der Maya einen größeren Raum ein. In einer allgemeinen kulturgeschichtlichen Untersuchung aus dem Jahr 1969 heißt es darüber13:

Vermutlich wird kein professioneller Kulturhistoriker die Gedankenwelt der Maya besser verstehen als es der Astronom Hans Ludendorff getan hat. Es ist nicht so sehr die enorme Zahl der durch die Wissenschaftler neu erforschten Tatsachen in den vielen Jahrhunderten zwischen der Antike und dem 20. Jahrhundert, die uns von der Gedankenwelt unserer großen wissenschaftlichen Vorfahren trennen, sondern die "herunter gestimmten" Erwartungen, von denen unsere Zeit bestimmt sind.
No professional historian of culture is likely to understand better the intellectual frame of mind of the Maya than the astronomer Hans Ludendorff has done. It is not so much the enormous number of new facts established by scientists in the many centuries between antiquity and the 20th century which separates us from the outlook of our great scientific ancestors but the „detiorated“ expectations ruling our time.

Hans Ludendorff betonte in seinen Schriften, daß er in Auseinandersetzung mit den Kenntnissen der Maya über Astronomie gelernt habe, nicht mehr von heutigen Erwartungen über diese Kenntnisse auszugehen, sondern sich ganz und gar auf die Quellen selbst einzulassen:

So wie es Hans Ludendorff einstmals zum Ausdruck brachte, daß es eine unangemessene Annäherung an die Astronomie der Maya wäre, mit den voreingenommenen Überzeugungen zu beginnen darüber, was die Maya müßten wissen können und was sie wahrscheinlich nicht wissen könnten: man sollte stattdessen die Schlüsse allein ziehen aus den Daten, die sich in den Inschriften und Büchern finden.
As Hans Ludendoff once pointed out, it is an unsound approach to Maya astronomy to start from preconceived convictions about what the Maya could have known and what they could not possibly have known: one should, instead, draw conclusions only from the data as given in the inscriptions and codices.

Sicherlich ein weiteres spannendes Thema, dem an dieser Stelle zu gegebener Zeit weiter nachgegangen werden könnte. Wäre doch Ludendorffs Beschäftigung mit der Astronomie der Maya nie zustande gekommen, wenn er nicht anstelle von Albert Einstein 1922/23 auf Einladung der mexikanischen Regierung nach Mexiko gereist wäre.

1939 - Ludendorff-Feier im Zeughaus in Berlin

Am 21. Mai 1939 wurde im Zeughaus in Berlin durch den Generalstabschef Franz Halder eine Büste Erich Ludendorffs enthüllt. In der ersten Reihe saßen bei diesem Anlaß - zwischen Wehrmacht-Generälen - die verwitwete Ehefrau Erich Ludendorffs, Mathilde Ludendorff, und ihr Schwager Hans Ludendorff (Abb. 3).

Abb. 3: Geheimer Rat Prof. Dr. Hans Ludendorff, Generaloberst Fedor von Bock, Mathilde Ludendorff, General Franz Halder am 21. Mai 1939 im Zeughaus in Berlin (entnommen der Zeitschrift "Am Heiligen Quell", 16.6.1939)

Es handelte sich um eine alleinige Feier der Wehrmacht. Es scheinen keine höheren Parteifunktionäre der NSDAP anwesend gewesen zu sein. 

Generaloberst Halder wird - mit weniger Nachdruck als vormals Ludwig Beck - gerne an Erich Ludendorff gedacht und erinnert haben als ein bremsendes Moment in der damaligen risikoreichen Außenpolitik Hitlers.

1939 - Angriffsvorbereitungen im Westen, Ludendorffs Schwiegersohn

Welchen innerfamiliären Austausch es zwischen Hans Ludendorff und seiner Schwägerin Mathilde Ludendorff gegeben hat, darüber kann beim derzeitigen Wissensstand kaum etwas gesagt werden.

Allerdings finden wir (im April 2019) (oben eingefügt), daß der Schwiegersohn von Hans Ludendorff der damalige Oberst und Bomberpilot Artur von Casimir (1908-2005) (Wiki) war. Dieses Wissen könnte Licht werfen auf eine Stelle im damaligen Briefwechsel zwischen Mathilde Ludendorff in Tutzing und ihrer Schwester Frieda Stahl, die damals Klavierlehrerin in Köln war. Aus den Briefen erhält man mancherlei Eindrücke, wie die Schwestern den Krieg erlebten, wobei auch viele Kriegsschicksale innerhalb der Verwandtschaft zur Sprache kommen. Frieda Stahl schreibt am 30. Oktober 1939 an ihre Schwester Mathilde über ihren jüngsten Aufenthalt in ihrer beider Heimatstadt Wiesbaden auf der Rückfahrt von Tutzing nach Köln:

Mein liebes, liebes Tilly,
Nun will ich Dir nacheinander berichten. (...) In Wiesbaden war es kalt und nasser Schnee. (...) Alles, alles hat das Gepräge des Kriegszustands. (...) Am Bahnhof erfuhr ich, daß mein Zug von Wien kommt und mindestens 80 Minuten Verspätung hat. (...) Der Zug hatte nur 50 Minuten Verspätung. Platz war keiner mehr da. Viel Militär, was von Polen auf Urlaub für acht Tage fuhr. Ich stand bis kurz vor Niederlahnstein. (...) Junge Soldaten, die bei Lemberg gekämft hatten und nun selig waren, Urlaub zu haben. Im Ganzen "halten sie sich sehr tapfer" aber sie sagten alle, für die Zivilbevölkerung sei der Krieg etwas Furchtbares. Von den Kämpfen selbst sprachen sie nicht viel aber sonst erzählten sie allerhand. Viele Polen hielten sie zuerst für Engländer und brachten Birnen und Äpfel aber dann die Überraschung, daß sie Deutsche waren. Sie sprachen alle von infamen Grausamkeiten der Polen an einzelnen Soldaten oder Sanitätskolonnen. Sie erzählten von sehr billigen Lebensmittelpreisen, 5 Pf. das Ei, 2,50 eine Gans, die Butter auch sehr billig. Sie waren gute Jungen, die sich furchtbar auf zu Hause freuten. In Köln halfen sie mir treu mit den Koffern. (...) Frau B. (wohl Friedas Haushälterin in Köln) erzählte von mehreren Fällen, die wie Casimir "Bomben zur Front fahren". Viele wissen Bescheid aber sehr viele haben keine Ahnung. Nun muß man einfach durch den endlosen Tunnel wandern, einmal wird es wohl wieder hell werden. (...) Möchte es nur nicht zum ernsten Krieg kommen, hier wünscht man es noch intensiver und die Frage beschäftigt alle, wie lange es dauert und welches Ende es nimmt. Dein Manuskript von der herrlichen Schöpfungsgeschichte liegt wohlbehalten an Ort und Stelle. (...) Morgen gehst Du zum Verlag, hoffentlich hörst Du nicht nur Unerfreuliches. (...) Innigen Kuß, Dein Friedel.

Die Worte "die wie Casimir Bomben zur Front fahren" muß ohne genauere Kenntnis der Umstände dunkel bleiben in ihrer Bedeutung. Mit dem Wissen allerdings, daß ein Artur von Casimir Schwiegersohn von Hans Ludendorff war, wird man vermuten können, daß die beiden Schwestern zuvor in Tuzing über ihn gesprochen hatten. Und man könnte mutmaßen, daß hier von Angriffsvorbereitungen im Westen die Rede war. Es war dies ja die Zeit des "Sitzkrieges". Über diese Zeit heißt es auf Wikipedia (Wiki):

Als die französische Mobilmachung Mitte September 1939 abgeschlossen war, war Polen nahezu besiegt. Sowjetische Truppen hatten mit der Besetzung Ostpolens begonnen, was die politische Situation noch schwieriger gestaltete. Nicht wenige Politiker begannen nun auf eine politische Lösung des Konflikts zu setzen, insbesondere nach dem Friedensangebot Hitlers an die Westmächte am 6. Oktober. Ein Angebot der Niederlande und Belgiens zur Friedensvermittlung an die Staatsoberhäupter Englands, Frankreichs und Deutschlands vom November 1939 wurde von England und Frankreich zurückgewiesen; diese forderten als Grundlage für Friedensverhandlungen über die Wiederherstellung der Tschechoslowakei und Polens hinaus auch die Österreichs. Die Einsatzbereitschaft des anfangs lediglich vier Divisionen umfassenden britischen Expeditionskorps wurde sogar erst Mitte Oktober hergestellt.
Zu diesem Zeitpunkt hatte die Verlegung der Masse des deutschen Heeres nach Westen längst begonnen. Die Alliierten richteten sich daher an der Maginot-Linie zur Verteidigung ein. Die Entscheidung, Frankreich noch 1939 anzugreifen, war gefallen, noch ehe der „Fall Weiß“ vollständig beendet und Warschau gefallen war. Am 9. Oktober 1939 wurde „Weisung Nr. 6“ herausgegeben, welche die Grundzüge der Operationen im Westen festlegte, bevor die Alliierten am 10./12. Oktober 1939 das deutsche Friedensangebot vom 6. Oktober 1939 abgelehnt hatten. Der erste Angriffsplan wurde am 19. Oktober 1939 vom Generalstab des Heeres unter Generaloberst Franz Halder fertiggestellt und ähnelte stark dem „Schlieffenplan“ mit Schwerpunktbildung auf dem rechten Flügel. (...) Zum Entsetzen der Generalität des Oberkommandos des Heeres (OKH) unter Walther von Brauchitsch wurde aus der Vermutung mit Befehl vom 31. Oktober 1939 Gewißheit. Der Angriff wurde trotz massiver Bedenken des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) bezüglich Kampfstärke und Munitionsversorgung der Wehrmacht auf den 12. November 1939 eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang festgesetzt.  Durch eine Auseinandersetzung zwischen Adolf Hitler und Walther von Brauchitsch über die Leistungsfähigkeit der Wehrmacht am 5. November 1939 vergaß „der Führer“ nach einem Wutanfall, den Angriffsbefehl zu bestätigen.

Die beiden Schwestern haben also in dieser Zeit - durch Auskünfte aus der Verwandtschaft, also entweder mittelbar über Hans Ludendorff oder direkt von Artur von Casimir - Anhaltspunkte dafür bekommen, daß der Krieg länger dauern wird als damals allgemein in Deutschland angenommen wurde, weil sehr bald von deutscher Seite aus im Westen angegriffen werden sollte. So jedenfalls würden die Worte Sinn ergeben:

Frau B. erzählte von mehreren Fällen, die wie Casimir "Bomben zur Front fahren". Viele wissen Bescheid aber sehr viele haben keine Ahnung. Nun muß man einfach durch den endlosen Tunnel wandern. (...) Möchte es nur nicht zum ernsten Krieg kommen, hier wünscht man es noch intensiver.

Gerade Köln war ja in einem zu erwartenden Krieg besonders gefährdet. Es darf also gemutmaßt werden, daß Hans Ludendorff oder sein Schwiegersohn Artur von Casimir oder dessen Ehefrau Margarethe in persönlichen Gesprächen, per Telefon oder per Brief sich über diese Angriffsvorbereitungen mit Mathilde Ludendorff ausgetauscht hatten.

1941 - Ludendorff stirbt

In seiner „Gedächtnisrede auf Hans Ludendorff“, abgedruckt in den „Jahrbüchern der Preußischen Akademie der Wissenschaft“ führte sein Kollege, der Berliner Astronom August Kopff (1882-1960) (Spektr) aus:

Vor wenigen Tagen erst, am 26. Juni 1941, ist Friedrich Wilhelm Hans Ludendorff unerwartet nach schwerer Krankheit gestorben. Die Akademie gedenkt heute seiner in aufrichtiger Trauer. Sie verliert in ihm einen Forscher, der in unermüdlicher, sorgfältiger Arbeit neue astronomische Beobachtungstatsachen von hohem Wert zusammentrug, und der immer wieder bemüht war, diese Tatsachen zu einem Ganzen zu ordnen.
Hans Ludendorff ist am 26. Mai 1873 bei Köslin (Pommern) als Sohn eines Gutsbesitzers geboren. Er studierte in Berlin ...

Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch war die Spruchkammer mit Hans Ludendorff befaßt. 

1950 - Politisch „unbelastet“

Am 22. Juni 1950 wurde seine verwitwete Ehefrau, die Hausfrau Käthe Ludendorff, geb. Schallehn (geb. 1881), von der Spruchkammer in Urach als „unbelastet“ eingestuft mit der Begründung:

Käthe Ludendorff (...) hat lediglich der NSV und dem Reichkolonialbund angehört und ist somit politisch unbelastet. Ihr im Jahre 1941 verstorbener Ehemann Prof. Dr. Hans Ludendorff, war Direktor des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam. Er hat der NSDAP nicht angehört, sondern war nur einfaches Mitglied der NSV und des RLB. Da Tatsachen, die eine politische Belastung begründen können, nicht bekannt geworden sind, fällt der Verstorbene nicht unter die Gruppe der Hauptschuldigen oder die der Belasteten. Gegen die Gewährung der gesetzlichen Versorgungsbezüge an seine Witwe bestehen somit keine politischen Bedenken.

Vermutlich ist sie um des Familiennamens Ludendorff willen vor die Spruchkammer zitiert worden.

Es sei also zusammen gefaßt:

Der Astronom Hans Ludendorff stand zwei Jahrzehnte lang in wechselhaftem, kollegialen Verhältnis zu Albert Einstein und förderte noch mindestens bis 1934 die empirische Überprüfung der allgemeinen Relativitätstheorie. Eine Forschungsreise nach Mexiko im Jahr 1923, die er als Vertreter von Albert Einstein auf Einladung und auf Kosten der mexikanischen Regierung unternahm, regte sein weiteres lebenslanges wissenschaftliches Interesse für die astronomischen Kenntnisse der Maya an.

/ Ergänzung 29.12.24: Es wäre eine Neuerscheinung zu sichten darauf, ob der vorliegende Blogbeitrag mit ihr ergänzt werden kann (s. SpdW2024). /

  / Ergänzung zu
Artur von Casimir: 19.4.2019;
Ergänzung anhand 
Literaturangabe 24: 10.5.2019
leicht überarbeitet: 23.7.22 /

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Literaturangaben im Text

1http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Ludendorff
2o.N. (wohl M. Ludendorff): Eine würdige Ludendorff-Feier am 21. 5. 1939. In: Am Heiligen Quell Deutscher Kraft, Folge 6, 16.6.1939, S. 231-234 [mit Fotografie von Hans Ludendorff]
3siehe seine diesbezügliche Schilderung in „Der Teil und das Ganze“
4Tobies, Renate: Albert Einstein und Felix Klein. In: Naturwissenschaftliche Rundschau, 47 Jg., Heft 9/1994, S. 345-352
5http://de.wikipedia.org/wiki/Tests_der_allgemeinen_Relativit%C3%A4tstheorie
6http://de.wikipedia.org/wiki/Erwin_Freundlich
7Ludendorff, Hans: Bemerkungen über die Radialgeschwindigkeiten der Helium-Sterne. In: Astronomische Nachrichten, Band 202, Heft 5, 1915, S. 75–84, DOI: 10.1002/asna.19152020503 [= Replik auf Erwin Freundlich, 1915, s.a. Seeliger, 1916]
8http://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativit%C3%A4tstheorie
9http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schwarzschild
10The collected papers of Albert Einstein. The Berlin years. Correspondence, January-December 1921, Princeton University Press, 2009 (720 S.), S. 148
11Plaut, Paul: Die Psychologie der produktiven Persönlichkeit. Enke, Stuttgart 1929 [zu H. Ludendorff S. 285f, zit. n. Hentschel, S. 136f]
12Albert Einstein, Erwin Freundlich, Erich Mendelsohn: Der Einsteinturm in Potsdam - Architektur und Astrophysik. Ars-Nicolai-Gmbh, 1995 (159 S.), S. 92
13Giorgio de Santillana, Hertha von Dechend: Hamlet's Mill. An Essay investigating the Origins of human Knowledge and its transmision through Myth. David R. Godine Publisher, Jaffrey, New Hampshire (4. Aufl.) 1998, S. 61, 67 (OA. 1969, weitere Ausgabe 1977)
14http://www.deutsche-biographie.de/sfz68661.html
15 Becker, Wilhelm Martin, "Ludendorff, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 292 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd117280208.html#ndbcontent


Literaturverzeichnis (chronologisch)

  1. Eisinger, Josef: Einstein on the Road. Prometheus Books, Amherst, New York 2011 [Die Reisetagebücher Einsteins]
  2. Schröder, Wilfried; Treder, Hans-Jürgen: Einstein und die Potsdamer Astronomen. Vorgelegt in der Klasse für Naturwissenschaften am 9. Februar 2006, in: Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät 85(2006), 81-90, http://leibnizsozietaet.de/wp-content/uploads/2012/11/05_schroedereinst.pdf
  3. Grundmann, Siegfried: Einsteins Akte. Einsteins Jahre in Deutschland aus der Sicht der deutschen Politik. Springer Verlag, Berlin u.a. 1998 (Google Bücher), 2004 erneut mit dem Untertitel „Wissenschaft und Politik - Einsteins Berliner Zeit“, ebenso engl. Ausgabe 2004
  4. Hermann, Armin: Einstein – Der Weltweise und sein Jahrhundert. Eine Biographie. Piper-Verlag, München 1994
  5. Tobies, Renate: Albert Einstein und Felix Klein. In: Naturwissenschaftliche Rundschau, 47 Jg., Heft 9/1994, S. 345-352
  6. Hentschel, Klaus: Der Einstein-Turm. Erwin F. Freundlich und die Relativitätstheorie – Ansätze zu einer „dichten Beschreibung“ von institutionellen, biographischen und theoriegeschichtlichen Aspekten. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg u.a. 1992 (190 S.); engl. Ausgabe: The Einstein Tower. An Intertexture of Dynamic Construction, Relativity. Stanford University Press, Stanford, California 1997 (s. Google Bücher)
  7. Schwarzschild, Karl: Gesammelte Werke. Hrsg. von Hans-Heinrich Voigt. Springer Verlag, Berlin u.a., Bd. 1 bis 3. 1992
  8. Artikel über Hans Ludendorff und die Astronomie der Maya. In: Das Altertum, Bände 28-29, Akademie-Verlag, Berlin 1982, S. 244-246
  9. Albert Einstein in Berlin 1913 - 1933. Darstellung und Dokumente, Bd. 1 und 2. Akademie der Wissenschaften der DDR, Akademie-Verlag, Berlin 1979 (Google Bücher)
  10. Spruchkammerakten des Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Sigmaringen, Bestellsignatur: Wü 13 T 2 Nr. 2660/049, http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=6-450240 [8.4.2015]
  11. Ludendorff, Mathilde (Dr. med. v. Kemnitz): Der Siegeszug der Physik. Ein Triumph der Gotterkenntnis meiner Werke. Ludendorffs Verlag GmbH, München 1941 (263 S.) („7. und 8. Heft der 2. Schriftenreihe“)
  12. Ludendorff, Hans: Zur Frühgeschichte der Astronomie in Berlin. W. de Gruyter, Berlin 1942 (23 S.) (GB)
  13. Strömgren, Elis: Hans Ludendorff. In: Die Naturwissenschaften. 30. Jg., Heft 4, 23.1.1942, S. 5F
  14. Ludendorff, Mathilde: Ein Blick in die Werkstatt der Naturwissenschaft unserer Tage. Ludendorffs Verlag GmbH, München 1941 (73 S.) (Laufender Schriftenbezug 11, Heft 4)
  15. o.N. (wohl M. Ludendorff?): Eine würdige Ludendorff-Feier am 21. 5. 1939. In: Am Heiligen Quell Deutscher Kraft, Folge 6, 16.6.1939, S. 231-234 [mit Fotografie von Hans Ludendorff]
  16. Ludendorff, Hans: Zur astronomischen Deutung der Maya-Inschriften. Verlag der Akademie der Wissenschaften in Kommission bei W. de Gruyter, Berlin 1936 (26 S.) [Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Physikalisch-Mathematische Klasse, Preußische Akademie der Wissenschaften Physikalisch-Mathematische Klasse]
  17. Ludendorff, Hans: Über die Ablenkung des Lichtes im Schwerefelde der Sonne. In: Astronomische Nachrichten, Volume 244, Issue 16, 1931, S. 321-330, DOI: 10.1002/asna.19312441602
  18. Bauschinger, J., H.; Ludendorff, R.; Schorr (u. a.): Astronomie und Astrophysik. Karl Siegismund Verlag / Verlag der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, Berlin 1930 [Deutsche Forschung. Aus der Arbeit der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft (Deutsche Forschungsgemeinschaft). Heft 12] (84 S.)
  19. Gustav Eberhard, Walter Grotrian, Arnold Kohlschütter, Hans Ludendorff: Handbuch der Astrophysik. Grundlagen der Astrophysik. Bände 1-3 Springer, 1929, 1930 (358 S.)
  20. Plaut, Paul: Die Psychologie der produktiven Persönlichkeit. Enke, Stuttgart 1929 [zu H. Ludendorff S. 285f, zit. n. Hentschel, S. 136ff]
  21. Ludendorff, Hans: Bemerkungen über die Radialgeschwindigkeiten der Helium-Sterne. In: Astronomische Nachrichten, Band 202, Heft 5, 1915, S. 75–84, DOI: 10.1002/asna.19152020503 [= Replik auf Erwin Freundlich, 1915, s.a. Seeliger, 1916] 
  22. Ludendorff, Hans: Die Jupiter-Störungen der kleinen Planeten vom Hecuba-Typus. Inaugural-Dissertation. Berlin 1897
  23. Hans-Joachim Ludendorff (6. Juli 1908-26.August 2006), https://www.geni.com/people/Hans-Joachim-Ludendorff/3150804   (das Profil wurde 2007 angelegt von seiner Tochter Karin Heuser und deren Sohn Christian Kurt Joachim Heuser)  
  24. Andrew Robinson: The eclipse that made Einstein famous. Rezension von "Einstein's War" by Matthew Stanley Dutton, 2019. 400 pp. und "No Shadow of a Doubt" by Daniel Kennefick Princeton University Press, 2019. 413 pp.  In: Science  Magazine, 10 May 2019: Vol. 364, Issue 6440, pp. 537 DOI: 10.1126/science.aax1447, https://science.sciencemag.org/content/364/6440/537?
  25. Schoenberg, Erich: Hans Ludendorff [Nekrolog]. München 1948. in: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 1944-48. S.236-239. Z 3761-1944-48 
  26. Kopff, August: Gedächtnisrede auf Hans Ludendorff. In: Jahrbuch der Preußischen Akademie der Wissenschaften, 1942, S. 225
  27. Ludendorff, Hans: Karl Schwarzschild. Deutsche Mechaniker-Zeitung, Heft 12, 15. Juni 1916, S. 107-108
  28. Tschesch, Kristina: Karl Schwarzschild - Potsdam - Wissenschaft für die Zukunft, https://youtu.be/Emgz2lvBAf4.
  29. Dieter B. Herrmann: Atlas astronomischer Traumorte. Entdeckungsreisen auf den Spuren der Sternkunde. Kosmos 2019 (GB)
  30. Günther Rüdiger: Astronomen, Akten und Affären. Vom Anfang zum Ende des Astrophysikalischen Observatoriums zu Potsdam. AVA, Leipzig 2024